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Sechste Generation wird deutlich größer und schöner

Neuer VW Jetta: Ich bin kein Rucksack-Golf

Neuer VW Jetta: Ich bin kein Rucksack-Golf
Bild anklicken für Großansicht Premiere in den USA:
VW Jetta VI
Volkswagen
In den USA, wo das Auto erfolgreich ist, hat VW die neue Generation präsentiert: Der Jetta VI soll endlich aus dem Windschatten des Golf fahren. Mit mehr Größe und aktuellem Stand in Sachen Technik und Motorenprogramm tritt die Stufenheck-Limousine 2011 in Deutschland an. Vor allem aber im viel schöneren Kleid. Stufenheck-Autos sind in Deutschland bei den Käufern nicht beliebt - es sei denn, sie gehören mindestens zur Oberen Mittelklasse oder zu den drei Ausnahmen (Audi A4, 3er-BMW und Mercedes C-Klasse). Auch VW kann davon ein Lied singen: Derby, Santana und Polo-Limousine "funktionierten" ebensowenig wie der aktuelle Passat als Stufenheck, und auch der VW Jetta, immerhin Ableger des deutschen Bestsellers schlechthin, kann froh sein, dass seine Zulassungszahlen nicht separat veröffentlicht werden, müsste er dann doch vor Scham rot werden.

Während der Jetta hierzulande also nicht ankommt, was VW überdies durch nachlässige Modellpflege unterstützt hat, gehört die Limousine jenseits des Atlantik zu den gefragten Modellen und ist der meistgekaufte Volkswagen. Das soll in Zukunft nicht nur so bleiben, sondern ausgebaut werden. Der Jetta nimmt in den VW-Plänen, die USA-Verkäufe bis 2018 auf 800.000 Einheiten zu verdreifachen, eine zentrale Rolle ein. Die Neuauflage, lange mit ihrem Projektnamen New Compact Sedan (NCS) durch die Medien geisternd, musste also ein gutes Auto werden.

Gut bedeutet dabei nicht zuletzt gut im Design. Insoweit hat Jetta Nummer VI fraglos einen merklichen Schritt nach vorne gemacht. Das Auto orientiert sich an der vielgelobten, auffallend Audi-lastigen Coupé-Studie, die die Wolfsburger zu Jahresbeginn präsentiert hatten. "Wer sich zwei Türen dazu denkt, hat den NCS klar vor Augen" - die damalige Aussage hat sich bewahrheitet. Überraschungen gibt es also keine, aber selbst Nicht-VW-Fans werden anerkennen müssen, dass die Limousine gut gezeichnet ist.

Möglich wurde dies nicht nur durch die Umstellung auf den aktuellen Markenlook mit der horizontalen Front oder den auffälligen Rückleuchten, sondern auch durch mehr Größe. So wächst die Karosserie in der Länge um neun Zentimeter auf jetzt 4,64 Meter - das sind fast 45 Zentimeter mehr als der Golf, der sich beim letzten Modellwechsel nicht gestreckt hatte. Weil der Radstand des Jetta das Wachstum um immerhin sieben Zentimeter mitmacht, die Höhe um einen Zentimeter geringer und die Breite um derer drei großzügiger als bisher ausfällt, ergibt sich ein souveränerer, besser ausbalancierter Auftritt. Die zusätzlichen Zentimeter versanden dabei nicht in der Karosserie, sondern kommen den Passagieren speziell im Fond zugute.

Gleichteile (an der Karosserie) zum Golf gibt es keine mehr, wie VW betont, wo man sich müht, den Jetta als eigenständiges Modell in die Köpfe der Kundschaft zu bekommen. Der Jetta soll künftig so viel respektive wenig mit dem Golf zu tun haben wie ein Tiguan oder der Passat CC mit dem "normalen" Passat.

Der Innenraum präsentiert sich ebenfalls im aktuellen Stil der Marke. Neu ist die Möglichkeit, Applikationen einfacher und günstiger als bisher tauschen zu können, wenn sich der Geschmack einmal ändert. Wer mag, kann dann etwa von Holz-Look auf Alu-Design umrüsten, oder vice versa.

In den USA offeriert VW den Jetta mit drei Benzinmotoren, die 115 (2,0 Liter), 170 (2,5) und 200 PS leisten, letzterer der u.a. aus dem Golf GTI bekannte Zweiliter-TSI, der overseas weiterhin als Jetta GLi verkauft wird. Dazu kommt der Zweiliter-TDI in der 140-PS-Variante mit zusätzlichem NOx-Speicherkatalysator als "Clean Diesel".

In Europa wird die Motorenpalette beim 1,2 TSI mit 105 PS beginnen, der ebenso wie der gleichstarke 1,6 TDI auch mit dem "Blue Motion Technology"-Paket angeboten wird. 5,3 bzw. 4,1 Liter sind dort als Normverbrauch angepeilt - Bestwert in der 4,60-Meter-Klasse, wie VW stolz vermerkt. In der Tat: Der sparsamste Dreier-BMW kommt auch auf 4,1 Liter, ist aber nur 4,53 Meter lang. Er ist sozusagen das sparsamste Auto der 160-PS-Klasse. Und der Toyota Prius mit 4,0 Litern Normverbrauch ist ebenfalls kürzer.

Jetta-Kunden mit höheren Ansprüchen an Hubraum und/oder Leistung können zum 1,4 TSI mit 122 oder 160 PS oder zum 2,0 TDI mit 140 PS greifen; letzterer verzichtet aber vorerst auf die zusätzliche Abgasreinigung. Auch der GTI-Motor wird angeboten, nicht mehr aber der stärkere Diesel. Alle Antriebe mit Ausnahme des 1,2 TSI lassen sich mit dem DSG-Getriebe kombinieren.

In den USA steht der Basis-Jetta demnächst ab 16.000 Dollar in den Showrooms, was man sich besser nicht 1:1 umrechnet. In Deutschland wird man zum Marktstart Anfang 2011 geschätzte 22.000 Euro als Minimum ansehen müssen, ein gut ausgestattetes Modell wird an die 40.000 Euro kosten. Dafür wird der Jetta aber auch in Details auf europäische Ansprüche gebracht, etwa in punkto Hinterachse, wo das US-Modell mit einer alten Konstruktion auskommen muss.

Der Preis wird aber letztlich nicht entscheidend für den Erfolg sein. Vielmehr geht es beim Jetta, für VW ein seltenes Phänomen, um Image-Fragen. Man wird abwarten müssen, ob die Kunden den Jetta VI endlich als so eigenständig ansehen wie die Marketing-Strategen in Wolfsburg es hoffen. Also noch einmal: Der Rucksack-Golf ist (fast) kein Rucksack-Golf mehr. Wir tippen, dass der Jetta durchaus erfolgreicher wird als bisher, aber "nicht wirklich" erfolgreich.
Leserbrief Autokiste folgen date  22.06.2010  —  # 8818
text  Hanno S. Ritter
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