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Bester Seat aller Zeiten / Kleinkarierte Ausstattungspolitik
Unterwegs im Seat Leon SC: Golf emoción
Auch der Heckscheibenwischer funktioniert prima, dazu im Gegensatz zum Vorgänger lautlos - und man braucht ihn etwas seltener als erwartet, was die Überleitung dazu sein soll, dass der Leon SC wie bereits berichtet nicht einfach nur die dreitürige Variante des Leon ist, sondern auch abseits der Türenzahl ein bisschen anders gestaltet. Konkret: Weil der Modulare Querbaukasten (MQB), auf dem Leon wie seine Konzernbrüder Golf, A3 und Octavia aufbaut, so flexibel ist, konnten Radstand und parallel dazu auch die Karosserielänge um 3,5 Zentimeter gekürzt und die Heckscheibe um 19 Grad stärker geneigt werden als am Fünftürer, flacher also, weswegen sie der aufwirbelnde Straßendreck im Regen weniger stark erreicht.
Seat sieht den Leon SC mithin als emotionalstes und sportlichstes Mitglied der Leon-Familie und betont, dass er auch im Fahrverhalten sportiver sei als der Fünftürer. Wir können das nach einer Ausfahrt mit beiden Karosserieversionen nicht bestätigen: Während man die optischen Unterschiede jedenfalls im direkten Vergleich wahrnimmt, ist uns dies in fahrdynamischer Hinsicht nicht gelungen: Ob Leon oder Leon SC, den kürzeren Radstand, den niedrigeren Schwerpunkt und die 20 Kilogramm weniger Gewicht spürt man nicht, jedenfalls nicht bei Regenwetter abseits der Rennstrecke. Das ist auch gut so, denn das Auto fährt prima. Natürlich ist die für die Tests bereitstehende FR-Topversion mit Sportfahrwerk recht hart abgestimmt, aber nicht derart, dass man schon nach einer Stunde genervt wäre. Trotzdem schade, dass Seat zwar eine Fahrprofilauswahl anbietet, diese sich aber auf die Parametrierung von Lenkung, Gasannahme, Automatik-Schaltwechseln, Motorsound und Klimatisierung bezieht, nicht aber auf Federung und Dämpfung.
Zunächst waren wir unterwegs im vorläufigen Topmodell mit dem 180 PS starken 1,8-Liter-Benziner, der mit dem Leon natürlich leichtes Spiel hat. Speziell im zweiten und dritten Gang des 7-Gang-DSG ist der Vortrieb mächtig, und auf dem geteerten Feldweg hatten wir keinen Zweifel daran, dass die Werksangabe von 7,1 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 zutreffend ist. Trotz Nässe nervte der Leon dabei auch nicht mit Traktionsproblemen, wohl aber in Kurven selbst bei zurückhaltendem Gasfuß, wo denn auch die elektronische Differentialsperre XDS an ihre Grenzen stößt. Das sind die - wenigen - Momente, wo man sich einen (noch) heckgetriebenen 1er-BMW wünscht. Insgesamt aber erscheint uns der im Konzern wohl sowieso nicht allzu zukunftsfeste 1800er-Motor, der nun auch für den Fünftürer zu haben ist, als einen Hauch zu hektisch, zu unruhig und im Sport-Modus wegen des Soundaktuators zu aufdringlich-laut - wie gemacht für ein dynamisches Wochenende, aber nicht so sehr für den regnerischen Großstadt-Alltag, auch wegen eines Verbrauchs von über neun Litern.
Insgesamt mehr Spaß trotz weniger Hubraum macht der 1,4 TSI mit 140 PS, der im Detail eine feinere Laufkultur aufweist, prima am Gas hängt und dabei alles andere als langsam ist, und der sich mit rund siebeneinhalb Litern im Schnitt zufriedengibt. Auf einer zurückhaltend, aber nicht schleichend gefahrenen Runde um München mit 1/3 Stadtverkehr und 2/3 limitierter Autobahn und Bundesstraße kamen wir bis auf den Normverbrauch von 5,2 Litern herunter. Schade, dass Seat die Zylinderabschaltung im Gegensatz zu VW und Audi noch nicht anbietet, sie würde gerade in solchen Situationen sicher noch einmal zehn Prozent herausholen.
Auch der 122-PS-Benziner gefiel erneut mit leisem, kultivierten Lauf und noch ausreichender Dynamik, während der 1,2 TSI (86 und 105 PS) interessanterweise merklich rauer läuft, schlechter anspringt und insgesamt weniger Fahrspaß vermittelt, und das nicht nur wegen der geringeren Leistung.
Im Leon 2,0 TDI mit 150 PS liegen Licht und Schatten nah beieinander: So sehr das satte Drehmoment erfreut, so überrascht nimmt man das etwas kernige Geräusch, speziell im Stand und beim Anfahren, zur Kenntnis - ebenso wie bei einem früher gefahrenen Golf VII TDI. Hier wie dort enttäuschend ist zudem die Effizienz: 7,5 Liter liefen im Schnitt unserer Ausfahrt durch die Einspritzdüsen, und das ist für einen Diesel einfach zu viel. Die 140-/143-PS-TDI der Vorgänger-Serie liefen nach unserem Eindruck ruhiger und sparsamer, die 140-PS-TDI mit der alten Pumpe-Düse-Technik zwar auch etwas kernig, aber erst recht sparsamer.
Wenig Optionen, gute und günstige Navigation
Start-Stopp-System und Rekuperation ist im Leon überwiegend Standard. Insgesamt hat der Konzern die Innovationen höchst ungleichmäßig
verteilt, wobei Seat die rote Laterne trägt. Zwar gibt es bisher nur im Leon die feinen Voll-LED-Schweinwerfer, bis auf den gewöhnungsbedürftigen
Spurhalteassistenten vieles andere aber nicht: Wer einen Abstandstempomaten mit Notbremsassistent wünscht oder Parklenkassistent, Rückfahrkamera,
Verkehrszeichenerkennung, Geschwindigkeitsbegrenzer, Gurtstraffer hinten, schlüsselloses Zugangs- und Startsystem oder die erwähnte Fahrwerksregelung,
hat Pech gehabt. Gleiches gilt für die Kombination des 1,4 TSI mit DSG.
Dass Seat im VW-Konzern nicht die neusten Infotainment-Geräte nutzen dürfte, wie hier und da zu lesen war, ist indes falsch: Natürlich verfügt der MQB-Leon über den, VW nennt das wirklich so, Modularen Infotainment Baukasten. Einziger Unterschied: Wo das Topgerät "Discover Pro" von VW acht Zoll Displaygröße bietet, beschränkt sich Seat auf derer 5,8. Alle anderen Funktionen, inklusive der Annäherungssteuerung und der wirklich nachahmenswerten, zahlreichen Konfigurationsmöglichkeiten von Fahrzeugeinstellungen, sind identisch. Letztlich ist das namenslose Seat-Gerät sogar die sympathischere Wahl: Wo VW im Golf mit der im Leon serienmäßigen Sprachsteuerung 2.515 Euro Aufpreis verrechnet, müssen bei Seat nur 690 Euro bezahlt werden. Alleine hier sparen Leon-Käufer also rund 1.800 Euro.
Rotstift in Sachen Kofferraum und Gurthöhenverstellung
Insgesamt hat der Leon nahezu all die früheren Seat-Peinlichkeiten abgelegt. Er ist gut verarbeitet und bietet ein überwiegend
hohes Niveau an sicht- und fühlbarer Qualität. Die Instrumentierung ist trotz der LED-Anzeigen für Tankinhalt und Motortemperatur
gelungen, der farbige Bordcomputer in Sachen Optik und Handhabung prima, und weil die Tempomat-Bedienung mit einem separaten Lenkstockhebel
erfolgt und nicht via Lenkrad im Golf, ist auch das Volant nicht so überladen wie beim Konzernbruder. Die Unterschiede zum Golf sind insoweit
vernachlässigbar, insgesamt aber doch noch vorhanden: Seat verbaut beispielsweise einen Motorhauben-Stab statt einer Gasdruckfeder und
verzichtet ganz nonchalant etwa auf eine Gurthöhenverstellung - das ist kein Beinbruch, aber doch nervig, weil die Gurthöhe ein Komfortmerkmal
ist.
Ebenso unverständlich: Der Kofferraum ist mit 380 Litern durchaus groß ausgefallen, aber einen verstellbaren Ladeboden gibt es nicht - auch nicht als Extra. Und wer den Kofferraumboden hochhebt, kann ihn dort nirgendwo ablegen, einhängen oder einrasten. Ebenfalls vergeblich sucht man eine Mittelarmlehne hinten und eine Durchladeeinrichtung, wie man sie schon im Golf IV hatte und wie sie auch der einfacher positionierte Seat Toledo ganz selbstverständlich mitbringt. Das Argument von Seat, man könne ja die Rückbank umlegen und brauche eine Durchlade selten, hilft nicht: Selten ist nicht nie. Und wenn hinten ein Kind sitzt oder gar zwei, hilft das Umlegen nicht weiter. So etwas kann dann einen Samstag im Möbelhaus oder Baumarkt schnell zum Nervtag machen.
Der Leon ST, die Kombi-Variante, die auf der IAA im September Premiere feiert und Ende des Jahres zu den Händlern kommt, dürfte das wohl besser beherrschen. Sowieso erscheint uns der größte Nachteil am Leon SC das SC zu sein: Schöner als der Fünftürer ist er nicht - im Gegenteil, aber das ist Geschmackssache -, aber er ist natürlich unpraktischer. Höchstens Singles und kinderlose Paare sollten überhaupt über den Dreitürer nachdenken, und selbst hier scheinen 500 Euro Nachlass zum Fünftürer kein schlagendes Argument, zumal Leon-Kunden finanziell sowieso recht gut dastehen: Das Auto ist in Grundpreis und Extras merklich günstiger als der Golf und überdies mit noch höheren Rabatten zu haben.
Ein angenehmes Auto also, der Leon, und zweifellos der beste und auch schönste Seat aller Zeiten. So gesehen ist es nur gerecht, dass die spanische Marke derzeit gegen den Trend ordentliche Zuwächse verbucht und Marktanteile gewinnt. Wenn wir einen Leon als Redaktionsauto anschaffen sollen, müsste Seat aber seine Ausstattungspolitik noch einmal überdenken - respektive in Wolfsburg mehr Freiheiten anmahnen. Golf und Leon hielten trotzdem viel mehr Abstand voneinander als die anderen, lediglich "umgebadgten" Schwestermodelle wie Alhambra/Sharan und Mii/Up.












