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Rede im Volltext
Bodewig: Grundsatzrede zur Verkehrspolitik
Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig will noch in dieser Legislaturperiode eine große Reform des Verkehrswesens in
Angriff nehmen. Bodewig sagte am gestrigen Samstag als Gastredner auf dem Parteitag von Bündnis90/Die Grünen in Stuttgart,
er wolle sich für mehr Wettbewerb zwischen Straße, Schiene und Wasser einsetzen. Erstmals kündigte Bodewig an,
eine Trennung von Betrieb und Netz bei der Bahn zu prüfen. Er kündigte den Aufbau einer "Task Force" an,
deren Vorsitz Franz-Josef Kniola, Vorsitzender der Bahnkommission in Nordrhein-Westfalen, übernehmen soll.
Die Sanierung der Bahn habe weiterhin höchste Priorität.
Nachfolgend finden Sie die in der Öffentlichkeit vielbeachtete Rede im Volltext. Es gilt das gesprochene Wort.
"Meine Damen und Herren, herzlichen Dank für die Einladung zu Ihrem Parteitag. 1998 haben wir
gemeinsam den Wählerauftrag bekommen, um Behäbigkeit und Stillstand in der Bundespolitik zu
beenden. Wir haben diese Mehrheit nicht für ein Experiment bekommen. Wir haben diese Mehrheit
bekommen, weil die Menschen das Weiter so, das Zaudern und Aussitzen, und den Stillstand leid waren.
Wir haben gemeinsam den Wählerauftrag für politische Gestaltung genutzt. Und das kann sich sehen
lassen:
Und lassen sie mich ein weiteres Beispiel nennen. Nicht weil ich hier auf ihrem Parteitag bin, sondern ich sage aus Überzeugung: Das Fahrrad hat seinen festen Platz in unserem integrierten Verkehrssystem der Zukunft. Es ist heute schon als Verkehrsmittel in der Stadt und im Kurzsteckenbereich unverzichtbar. Ich betone ausdrücklich: Auch das Fahrrad braucht eine gut ausgebaute Infrastruktur. Genauso brauchen wir Übergangs- und Mitnahmemöglichkeiten zu anderen Verkehrsträgern. Nordrhein-Westfalen zeigt hier beispielhaft wie eine integrierte Fahrradpolitik aussehen kann. Hier liegt für die Länder eine wichtige Aufgabe. Der Bund wird das konzeptionell begleiten.
Meine Damen und Herren, ich habe soeben vom Verlassen alter Denkmuster gesprochen. Angesichts der Verkehrsprognosen ist das Gegeneinander der verschiedenen Verkehrsträger ein solches altes Denkmuster. Es geht eben nicht um Auto oder Bahn oder Fahrrad. Wir brauchen alle Verkehrsträger, jeden dort, wo er am besten Mobilität gewährleistet. Unser Konzept ist ein Integriertes Verkehrssystem. Zum Beispiel mit dem Auto zur Park & Ride Station, mit dem Zug in die nächste Stadt, und von der Fahrradstation am Bahnhof weiter durch die Innenstadt. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir das gesamte Thema Verkehrsinfrastruktur neu denken und gestalten müssen. Es reicht nicht mehr aus, die Stellschrauben neu zu justieren. Wir müssen neu konstruieren und anders finanzieren. Nach Steuerreform und Rentenreform können und müssen wir uns jetzt zutrauen, eine umfassende Reform unseres Verkehrssystem noch in dieser Legislaturperiode auf den Weg zu bringen. Ich will und ich werde als zuständiger Bundesminister das notwendige Reformwerk anpacken. Dabei sehe ich ihm wesentlichen drei Systemelemente:
Erstens: Die bisherige Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur über den allgemeinen Haushalt ist an ihre Grenzen gestoßen. Hier müssen wir umsteuern und in ein neues System einsteigen. Die Entwicklung und die Erhaltung der Infrastruktur braucht eine neue Finanzierungs- und eine neue Umsetzungsstruktur. Meine Damen und Herren, Infrastrukturpolitik ist Langfristpolitik. Dazu brauchen wir Planungssicherheit. Deswegen schlage ich die Gründung einer Finanzierungsgesellschaft für Verkehrsinfrastruktur vor. In diese Finanzierungsgesellschaft fließen dann die Mittel aus der LKW-Maut. Damit schaffen wir nicht nur Fairness im Wettbewerb zwischen Straße und Schiene. Das Geld fließt auch zweckgebunden zurück in die Infrastruktur. Aber, und das ist mir wichtig, eben nicht nur in die Straße, sondern in die Infrastruktur bei Straße, Schiene und Wasserstraße. Genau das entspricht unserem Konzept einer integrierten Verkehrspolitik. Die gesetzlichen Voraussetzungen können wir noch in dieser Legislaturperiode schaffen. Ich werde die erforderlichen Vorlagen zügig einbringen.
Zweitens: Wir brauchen einen gerechteren Wettbewerb zwischen den Verkehrsträgern beim Gütertransport. Die Beteiligung des LKWs an der Finanzierung der hohen Kosten für den Straßenbau ist unzureichend. Ein LKW mit 40-Tonnen Achslast belastet die Straße 60.000 mal soviel wie ein PKW. Dass wir hier handeln müssen, ist wohl allen klar. Deswegen werde ich mit der Einführung der LKW-Maut die Beteiligung an den Wegekosten deutlich erhöhen. Ich bin der Auffassung, dasss dies sogar über die 25 Pfennig, die Sie in Ihrem Antrag fordern, hinausgehen kann. Allerdings halte ich es für erforderlich, dasss wir gleichzeitig beim LKW einen Systemwechsel machen: Mit einem Systemwechsel von der Steuerfinanzierung hin zu Nutzergebühren für den LKW. Damit erhöhen wir übrigens auch ein gutes Stück die Akzeptanz beim LKW-Gewerbe. Denn nur so werden wir die ausländischen Billiganbieter gleichermaßen zur Kasse bitten. Gerade damit tun wir auch etwas gegen das unerträgliche Sozialdumping auf dem Rücken der Trucker und der kleinen Fuhrunternehmer. Meine Damen und Herren, mit der LKW-Maut in dieser Form verbessern wir in einem Zug auch die Wettbewerbsbedingungen der Bahn. Ich halte das für den geeigneteren und den verkehrssystematisch tauglicheren Weg als die Halbierung der Mehrwertsteuer für die Bahn. Ich halte überhaupt nichts davon, den wachsenden Verkehr mit Steuergeldern auch noch zu verbilligen – auch nicht auf der Schiene. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wir müssen auch bei anderen Verkehrsträgern für eine gerechtere Kostenanlastung sorgen. Deshalb führen wir die LKW-Maut ein.
Ich komme zu meinem dritten Punkt: Die Zukunft im Schienenverkehr. Zentraler Bestandteil unseres Reformkonzept ist die Erhöhung des Verkehrsanteils auf der Schiene. Konkret: Mit dem Verkehrsbericht 2000 habe ich mich auf die Verdoppelung des Güterverkehrs auf der Schiene bis 2015 festgelegt. Dieses Ziel kann nur durch einen produktiven und fairen Wettbewerb erreicht werden. Was wir brauchen, ist
Grundsätzlich gilt: Der Netzzugang muss diskriminierungsfrei möglich sein. Die Unabhängigkeit des Netzes ist also längst keine Frage mehr des „ob“, sondern eine Frage des „wann“ und „wie“. Meine Damen und Herren, ich ziehe daraus einen eindeutigen Schluss: Ich werde jetzt umgehend prüfen, wie die Trennung von Netz und Betrieb zu verwirklichen ist. Ich werde erstens klären lassen, welche verschiedenen Organisationsmodelle es gibt. In einem lege ich mich allerdings schon heute fest: Die erneute Verstaatlichung des Netzes halte ich für den falschen Weg! Ich werde zweitens die Vor- und Nachteile und vor allem die Folgewirkungen untersuchen lassen. Und das
Meine Damen und Herren, in der Verkehrspolitik dürfen wir keinen Aufschub dulden. Der Verkehr rollt auf uns zu. Deswegen müssen wir jetzt mit Mut diese umfassende Verkehrsreform anpacken. Wenn wir in den nächsten Jahren durchsetzen, was wir uns jetzt vornehmen, dann werden wir 2015 eine völlig andere Sicht auf den Verkehr haben: Wir werden auf der Schiene eine Reihe erfolgreicher Unternehmen haben, die mit hochattraktiven Angeboten viele neue Kunden auf den Zug geholt haben. Wir werden Logistikdienstleister haben, die mit einem entwickelten System des Kombinierten Verkehrs den Schwerlastverkehr optimieren haben. Überflüssige Leerfahrten gehören dann der Vergangenheit an. Güter werden auf gut ausgebauten Straßen, Schienenwegen und Wasserstraßen schnell an ihr Ziel kommen. Schadstoffarme und emissionsfreie Autos werden auf einem gut entwickelten Straßennetz leiser und sicherer vorankommen. Der Umstieg vom Flugzeug in den ICE oder Transrapid wird genauso zum Alltag gehören, wie der Wechsel vom Fahrrad auf den Zug oder das Auto und umgekehrt. So kann Mobilität auch funktionieren: Besser für die Menschen und für die Umwelt und gleichzeitig funktionsgerecht für einen erfolgreichen Wirtschaftstandort Deutschland. Aber lassen sie uns nicht nur von Visionen reden. Lassen Sie uns intensiv daran arbeiten, sie umzusetzen.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit."
- Die Koalition hat den Reformstau in Deutschland aufgelöst und
- wir mobilisieren neue Innovationskräfte in unserer Gesellschaft.
- Den Menschen nicht verordnen, was sie zu tun haben.
- Die notwendige Infrastruktur entwickeln.
- Und durch attraktive Angebote den Menschen auch die Entscheidungsfreiheit lassen, wie sie sich fortbewegen wollen.
Und lassen sie mich ein weiteres Beispiel nennen. Nicht weil ich hier auf ihrem Parteitag bin, sondern ich sage aus Überzeugung: Das Fahrrad hat seinen festen Platz in unserem integrierten Verkehrssystem der Zukunft. Es ist heute schon als Verkehrsmittel in der Stadt und im Kurzsteckenbereich unverzichtbar. Ich betone ausdrücklich: Auch das Fahrrad braucht eine gut ausgebaute Infrastruktur. Genauso brauchen wir Übergangs- und Mitnahmemöglichkeiten zu anderen Verkehrsträgern. Nordrhein-Westfalen zeigt hier beispielhaft wie eine integrierte Fahrradpolitik aussehen kann. Hier liegt für die Länder eine wichtige Aufgabe. Der Bund wird das konzeptionell begleiten.
Meine Damen und Herren, ich habe soeben vom Verlassen alter Denkmuster gesprochen. Angesichts der Verkehrsprognosen ist das Gegeneinander der verschiedenen Verkehrsträger ein solches altes Denkmuster. Es geht eben nicht um Auto oder Bahn oder Fahrrad. Wir brauchen alle Verkehrsträger, jeden dort, wo er am besten Mobilität gewährleistet. Unser Konzept ist ein Integriertes Verkehrssystem. Zum Beispiel mit dem Auto zur Park & Ride Station, mit dem Zug in die nächste Stadt, und von der Fahrradstation am Bahnhof weiter durch die Innenstadt. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir das gesamte Thema Verkehrsinfrastruktur neu denken und gestalten müssen. Es reicht nicht mehr aus, die Stellschrauben neu zu justieren. Wir müssen neu konstruieren und anders finanzieren. Nach Steuerreform und Rentenreform können und müssen wir uns jetzt zutrauen, eine umfassende Reform unseres Verkehrssystem noch in dieser Legislaturperiode auf den Weg zu bringen. Ich will und ich werde als zuständiger Bundesminister das notwendige Reformwerk anpacken. Dabei sehe ich ihm wesentlichen drei Systemelemente:
Erstens: Die bisherige Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur über den allgemeinen Haushalt ist an ihre Grenzen gestoßen. Hier müssen wir umsteuern und in ein neues System einsteigen. Die Entwicklung und die Erhaltung der Infrastruktur braucht eine neue Finanzierungs- und eine neue Umsetzungsstruktur. Meine Damen und Herren, Infrastrukturpolitik ist Langfristpolitik. Dazu brauchen wir Planungssicherheit. Deswegen schlage ich die Gründung einer Finanzierungsgesellschaft für Verkehrsinfrastruktur vor. In diese Finanzierungsgesellschaft fließen dann die Mittel aus der LKW-Maut. Damit schaffen wir nicht nur Fairness im Wettbewerb zwischen Straße und Schiene. Das Geld fließt auch zweckgebunden zurück in die Infrastruktur. Aber, und das ist mir wichtig, eben nicht nur in die Straße, sondern in die Infrastruktur bei Straße, Schiene und Wasserstraße. Genau das entspricht unserem Konzept einer integrierten Verkehrspolitik. Die gesetzlichen Voraussetzungen können wir noch in dieser Legislaturperiode schaffen. Ich werde die erforderlichen Vorlagen zügig einbringen.
Zweitens: Wir brauchen einen gerechteren Wettbewerb zwischen den Verkehrsträgern beim Gütertransport. Die Beteiligung des LKWs an der Finanzierung der hohen Kosten für den Straßenbau ist unzureichend. Ein LKW mit 40-Tonnen Achslast belastet die Straße 60.000 mal soviel wie ein PKW. Dass wir hier handeln müssen, ist wohl allen klar. Deswegen werde ich mit der Einführung der LKW-Maut die Beteiligung an den Wegekosten deutlich erhöhen. Ich bin der Auffassung, dasss dies sogar über die 25 Pfennig, die Sie in Ihrem Antrag fordern, hinausgehen kann. Allerdings halte ich es für erforderlich, dasss wir gleichzeitig beim LKW einen Systemwechsel machen: Mit einem Systemwechsel von der Steuerfinanzierung hin zu Nutzergebühren für den LKW. Damit erhöhen wir übrigens auch ein gutes Stück die Akzeptanz beim LKW-Gewerbe. Denn nur so werden wir die ausländischen Billiganbieter gleichermaßen zur Kasse bitten. Gerade damit tun wir auch etwas gegen das unerträgliche Sozialdumping auf dem Rücken der Trucker und der kleinen Fuhrunternehmer. Meine Damen und Herren, mit der LKW-Maut in dieser Form verbessern wir in einem Zug auch die Wettbewerbsbedingungen der Bahn. Ich halte das für den geeigneteren und den verkehrssystematisch tauglicheren Weg als die Halbierung der Mehrwertsteuer für die Bahn. Ich halte überhaupt nichts davon, den wachsenden Verkehr mit Steuergeldern auch noch zu verbilligen – auch nicht auf der Schiene. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wir müssen auch bei anderen Verkehrsträgern für eine gerechtere Kostenanlastung sorgen. Deshalb führen wir die LKW-Maut ein.
Ich komme zu meinem dritten Punkt: Die Zukunft im Schienenverkehr. Zentraler Bestandteil unseres Reformkonzept ist die Erhöhung des Verkehrsanteils auf der Schiene. Konkret: Mit dem Verkehrsbericht 2000 habe ich mich auf die Verdoppelung des Güterverkehrs auf der Schiene bis 2015 festgelegt. Dieses Ziel kann nur durch einen produktiven und fairen Wettbewerb erreicht werden. Was wir brauchen, ist
- ein Angebotswettbewerb,
- ein Servicewettbewerb,
- ein Innovationswettbewerb.
- Wir brauchen Bahnunternehmen, die um ihre Kunden werben.
- Wir brauchen Bahnunternehmen, die miteinander im Wettbewerb um die besseren Angebote für Gütertransporte liegen.
Grundsätzlich gilt: Der Netzzugang muss diskriminierungsfrei möglich sein. Die Unabhängigkeit des Netzes ist also längst keine Frage mehr des „ob“, sondern eine Frage des „wann“ und „wie“. Meine Damen und Herren, ich ziehe daraus einen eindeutigen Schluss: Ich werde jetzt umgehend prüfen, wie die Trennung von Netz und Betrieb zu verwirklichen ist. Ich werde erstens klären lassen, welche verschiedenen Organisationsmodelle es gibt. In einem lege ich mich allerdings schon heute fest: Die erneute Verstaatlichung des Netzes halte ich für den falschen Weg! Ich werde zweitens die Vor- und Nachteile und vor allem die Folgewirkungen untersuchen lassen. Und das
- unternehmerisch,
- verkehrspolitisch,
- finanzpolitisch
- und bezogen auf das Verhältnis von Bund und Ländern.
Meine Damen und Herren, in der Verkehrspolitik dürfen wir keinen Aufschub dulden. Der Verkehr rollt auf uns zu. Deswegen müssen wir jetzt mit Mut diese umfassende Verkehrsreform anpacken. Wenn wir in den nächsten Jahren durchsetzen, was wir uns jetzt vornehmen, dann werden wir 2015 eine völlig andere Sicht auf den Verkehr haben: Wir werden auf der Schiene eine Reihe erfolgreicher Unternehmen haben, die mit hochattraktiven Angeboten viele neue Kunden auf den Zug geholt haben. Wir werden Logistikdienstleister haben, die mit einem entwickelten System des Kombinierten Verkehrs den Schwerlastverkehr optimieren haben. Überflüssige Leerfahrten gehören dann der Vergangenheit an. Güter werden auf gut ausgebauten Straßen, Schienenwegen und Wasserstraßen schnell an ihr Ziel kommen. Schadstoffarme und emissionsfreie Autos werden auf einem gut entwickelten Straßennetz leiser und sicherer vorankommen. Der Umstieg vom Flugzeug in den ICE oder Transrapid wird genauso zum Alltag gehören, wie der Wechsel vom Fahrrad auf den Zug oder das Auto und umgekehrt. So kann Mobilität auch funktionieren: Besser für die Menschen und für die Umwelt und gleichzeitig funktionsgerecht für einen erfolgreichen Wirtschaftstandort Deutschland. Aber lassen sie uns nicht nur von Visionen reden. Lassen Sie uns intensiv daran arbeiten, sie umzusetzen.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit."











