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Warum nicht gleich so?
VW ID.3 Neo: Großer Fortschritt, aber...
Volkswagen
VW ID.3 zum ID.3 Neo
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Äußerlich gibt sich das Facelift an einer überarbeiteten Frontpartie zu erkennen, die das neue ID-Familiengesicht aufgreift, wie es auch der ID.Polo tragen wird. Dazu gehört neben einer durchgehenden Lichtleiste mit beleuchtetem Logo (optional) eine modifizierte Frontschürze, die auf die sichtbare Klappe oberhalb des Kennzeichens verzichtet.
Die größte formale Änderungen bedingt jedoch die Entscheidung, das Auto nun komplett in Wagenfarbe zu lackieren. Das betrifft einerseits die bisher obligatorisch schwarze Heckklappe, aber auch Dach und A-Säulen, was den Neo schicker, niedriger und eleganter wirken lässt als zuvor. Weitere Änderungen sucht man dagegen vergebens, nicht einmal die Heckleuchten tragen ein neues Innenleben.
Neuer Innenraum: mehr als nur Schalter
Wer die Tür öffnet, wird staunen: Es gibt einen ganz neuen Armaturenträger mit neuen Luftduschen, es gibt ein (entgegen
mancher Medienberichte nicht gewachsenes, aber) nunmehr viel schöner platziertes Zentraldisplay (12,9") und es gibt
nicht zuletzt endlich ein ernstzunehmendes Kombiinstrument, das fast doppelt so groß ist wie die merkwürdige bisherige
Umsetzung. Weiteren Grund zum Staunen und Freuen, ausdrücklich bezogen auf das bisherige ID.3-Ambiente, bietet das
neue Lenkrad mit echten Tasten, die Vierer-Steuerung für die Fensterheber, eine manuelle Tastenreihe für die
Klimabedieneinheit, ein belüfteter QI-Lader fürs Handy und sogar ein mechanischer Lautstärkeregler.
Das Infotainmentsystem nennt sich nun "Innovision", ist Android-basiert und verspricht mehr Schnelligkeit, mehr Funktionalität und mehr Freude bei der Bedienung. In Sachen Technik ziehen außerdem das One-Pedal-Driving in den ID.3 Neo ein und die V2L-Funktionalität.
Nicht auszumalen, wie erfolgreich der ID.3 gewesen wäre, wenn ihn der damalige Konzernchef Herbert Diess gleich in dieser Umsetzung auf den Markt genbracht hätte. Dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern ist hier sicher ein deutlich sechsstelliges Volumen verloren gegangen.
Neue Motoren und Akkus
Neuigkeiten hat auch der Antrieb zu bieten. Die neue Motorengeneration bietet mehr Drehmoment als bisher und zudem einen
niedrigeren Verbrauch. Aus den regulären Leistungsstufen 204 und 231 PS wird künftig das Trio 170, 190 und 231 PS. Die
bisher 59 und 77 kWh großen Akkus mit NMC-Technik weichen 50 und 58 kWh großen LFP-Akkus, dazu kommt eine 79er-Batterie
mit NMC-Technik. Die Ladezeiten haben sich nicht verändert, die Reichweite steigt bestenfalls von 568 auf 630 Kilometer.
Das bisher streng Polo und Golf (und kurzzeitig dem damaligen Lupo) vorbehaltene Kürzel GTI wird künftig auch am ID.3 Neo zu finden sein und dort das GTX ablösen. Der Neo GTI dürfte dann wie im Schwestermodell Cupra Born oder im bisherigen GTX Performance 326 PS haben. Details dazu hebt sich das VW-Marketing aber für einen späteren Zeitpunkt auf.
Genaue und vollständige Daten oder Preise können wir leider aktuell nicht bieten, weil der Autobauer solche (jedenfalls für Nicht-Eingeladene der statischen Präsentation in Hamburg) nicht zur Verfügung stellt.
So viel Fortschritt – und noch immer so viel Rückstand
Alles super jetzt also? Nein, mitnichten. Angesichts dessen, was Volkswagen die letzten Jahre schamlos abgeliefert hat,
ist der ID.3 Neo einerseits auffallend gut geworden. Andererseits will sich auch im neuen Neo nicht jenes behagliche
Gefühl einstellen, wie es ein Golf VII noch vermittelt hat. Dazu trägt das nach wie vor störende große vordere
Dreiecksfenster bei, die schlechtere Sitzposition durch den erhöhten Boden und auch die unten offene Mittelkonsole.
Während Dreiecksfenster, Bodenhöhe oder auch der konzeptionell bedingt kleine Kofferraum bei einem Facelift natürlich nicht zur Disposition stehen, gilt dies für andere Bereiche so nicht. Ein zweispeichiges Lenkrad wirkt nicht edel. Wir ärgern uns auch über einen nur einfach vorhandenen Handy-Lader, die fehlenden Rändelräder an den Luftduschen, den Startknopf an der Lenksäule statt auf der Mittelkonsole und die umständlichere Lichtbedienung. Und auch wenn das Lenkrad jetzt lobenswerterweise wieder echte Tasten hat, mag man doch fragen, warum man sich bei deren Gestaltung nicht auch an früheren Lenkrad-Generationen orientiert hat, wo die Tasten schöner angeordnet waren und dadurch auch leichter blind bedienbar.
Für einen Frunk hat das Engagement auch nicht gereicht. Genauso wie für eine echte Anhängerkupplung, schräg stehende Türgriffe innen, eine Schlossabdeckung an der Fahrertüre, Knieairbag und Seitenairbags hinten. Oder ein Dach, das sich auch öffnen lässt. Oder eine aus dem Logo cool ausklappende und schmutzgeschützte Rückfahrkamera. Oder eine Tippwischfunktion. Oder eine Gasdruckfeder für die Fronthaube. Oder eine höhenverstellbare Mittelarmlehne. Und so weiter und so fort. Das alles konnte nicht nur ein Golf VII, sondern auch ein Golf VI, das meiste sogar ein Golf V.
Wenn Volkswagen also wieder eine "Love Brand" werden will, wie es teilweise kommuniziert wurde, kann der Neo-Standard nur ein Zwischenziel sein, müssen sich die Ingenieure bzw. die Controller etwa für einen Golf IX nochmal deutlich mehr ins Zeug legen. Der, liebe Wolfsburger, darf dann gerne wieder einfach Golf heißen und so wertig sein wie früher. Nur eben elektrisch. Und dann, erst dann, titeln wir auch mit dem VW-Spruch aus Golf-IV-Zeiten: Blau macht glücklich.

