Das unabhängige Portal rund um Automobil & Verkehr
+++   Wir machen Sommerpause   +++
Dienstag, 27. Oktober 2026
Autokiste-Logo
Zur Startseite
meinung Lesezeit ~ 3 Minuten

Statement ohne Greifbares

Audi erklärt sich (nicht)

Nach der gestrigen großen Protestwelle gegenüber dem Verhalten des Chefs hat sich Audi mit einer Erklärung zu Wort gemeldet. Diese erklärt aber nichts und lässt die drei magischen Worte vermissen, meint unser Autor. Ob Audi das durchhält?

ANZEIGE
Am Sonntag und vor allem am Montag hat Audi es faustdick bekommen: Kritik an Werksplänen in den USA, während hierzulande Arbeitsplätze abgebaut werden, Kritik an den dort wohl geplanten großen Verbrenner-SUVs, vor allem aber am Vorgehen von CEO Gernot Döllner, der ein neues Werk nicht nur vor der entsprechenden Absegnung durch die Aufsichtsgremien ankündigt, sondern sich dabei vor allem zum Wahlkampf-Handlanger von Donald Trump gemacht hat. Mehr dazu hier.

Während sich die relevanten Automedien soweit ersichtlich mit kritischen Einordnungen zurückhielten – über die Gründe hierfür kann man nur spekulieren –, hagelte es teils harsche Kritik von vielen anderen Zeitungen, Medienhäusern, Organisationen, Gewerkschaften, Parteien und nicht zuletzt Privatpersonen in den sozialen Medien. Einen derart heftigen Shitstorm dürfte die Marke noch nie zuvor erlebt haben.

In der Folge sah sich Audi bemüßigt, eine Stellungnahme abzugeben. Sie wurde eher versteckt auf der Website veröffentlicht, aber nicht auf dem sonst üblichen Weg an die Presse verschickt. Der Text trägt die Überschrift "Audi Statement zur aktuellen Situation", was einerseits ein Satzzeichen nach dem ersten Wort vermissen lässt und andererseits unschön an das frühere verharmlosende Wording à la "Informationen zur Dieselthematik" erinnert.

Audi erklärt, das neue Werk in den USA als zweitgrößtem Premiummarkt der Welt habe große strategische und wirtschaftliche Bedeutung für das Unternehmen. Ein stärkeres US-Geschäft sei keine Entscheidung gegen Deutschland, sondern ein wichtiger Beitrag zur globalen Wettbewerbsfähigkeit von Audi und zur langfristigen Sicherung des Unternehmenserfolges. Die "damit" verbundene Reise nach Georgia und der öffentliche Auftritt mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten hätten "Fragen und auch Unverständnis ausgelöst", so Audi weiter.

Eine Unternehmens-Delegation sei in Georgia gewesen, um die Gespräche und Verhandlungen über das geplante Werk weiter voranzubringen. Im deren Rahmen sei man gebeten worden, die Pläne gemeinsam mit dem Präsidenten öffentlich vorzustellen. "Die Entscheidung, dieser Einladung zu folgen, haben wir ausschließlich im Interesse des Unternehmens getroffen", heißt es wörtlich.

Man sehe nun, dass der Rahmen der Ankündigung als politisches Signal wahrgenommen worden sei. "Das nehmen wir sehr ernst", schreibt Audi und versichert, zu den Werten und Grundsätzen des Unternehmens zu stehen. "Ebenso tragen wir Verantwortung für die wirtschaftliche Zukunft von Audi. Beides gehört für uns zusammen und ist Grundlage unseres Handelns."

Soweit ich das verstehe, hält Audi also den offensichtlich erfolgten, aber nicht zugestandenen Bruch der eigenen Compliance-Regeln und das freundliche Antatschen eines demokratiefeindlichen Politikers auf dessen Wahlkampf-Bühne für okay, wenn sie denn Geld bringen. Das ist eine bemerkenswert inakzeptable Auslegung nicht nur der eigenen Unternehmensgrundsätze, sondern auch schlicht der als normal vorauszusetzenden moralischen Grundwerte.

Die Erklärung erklärt letztlich nichts. Das ist überraschend, denn eigentlich gestehen Kommunikations-Profis in solchen Situationen die Problematik entweder offen ein oder aber schweigen penetrant und hoffen, alles aussitzen zu können. Ein "Statement" ohne echtes Statement ist dagegen überwiegend verpönt, weil es nur neues Benzin ins Feuer gießt. Vielleicht hat Audi schon alle PR-Profis abgeschafft.

Vor allem aber fehlen in der Verlautbarung die drei wichtigsten Worte, mit denen Audi sein Image noch hätte halbwegs retten können. Textvorschlag, gekürzt: "Wir haben einen großen Fehler gemacht, wir bitten dafür ausdrücklich und ohne Wenn und Aber und merkwürdige Formulierungen um Entschuldigung, und unser CEO trägt selbstverständlich die Konsequenzen und erklärt seinen sofortigen abfindungsfreien Rücktritt zur Abwehr weiteren Schadens von Unternehmen und Belegschaft."

Ob Audi und Döllner mit der Zum-Wohl-der-Firma-Argumentation durchkommen, bleibt abzuwarten. Ich denke nicht, denn das Vorgehen hat auch unternehmens- und konzernintern für großen Wirbel und Ärger gesorgt, zumal eine solche Polarisierung Einfluss auf ESG-Ratings (Environmental, Social, Governance) und damit auf Märkte haben kann, sich möglicherweise nun wichtige Flottenkunden von den vier Ringen abwenden werden und auch die Attraktivität von Audi als Arbeitgeber sinken könnte. Durchaus möglich, dass der Aufsichtsrat seinen Aufsichtspflichten hier einmal im Wortsinne nachkommt und die Audi-Spitze austauscht, dann zum vierten Mal in acht Jahren.
text  
VERWANDTE THEMEN BEI AUTOKISTE
IM KONTEXT: DER BLICK INS WEB
ANZEIGE