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Samstag, 23. September 2017,
Neues Flaggschiff mit auffälligem Exterieur

VW Arteon: The Art of Passat

Der VW CC ist tot, es lebe der Arteon. Das neue Nicht-SUV-Topmodell aus Wolfsburg gibt sich optisch auffallend, führt ein neues Frontdesign und zusätzliche Assistenzfunktionen ein – bleibt eigentlich aber das, was auch der CC war: Ein Passat mit dem gewissen Extra, das kaum extra kostet. Der Erfolg scheint programmiert.
Volkswagen
Das neue VW-"Gesicht" darf
zuerst der neue Arteon vorführen
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Zwei Jahre nach der Vorläufer-Studie hat Volkswagen auf dem Genfer Autosalon den neuen Arteon präsentiert. Die viertürige, coupéhafte Limousine, die anders als der CC eine große Heckklappe trägt, soll außerhalb von China, wo diese Rolle der Phideon einnimmt, das neue Topmodell der Marke darstellen, wenn man den Touareg einmal außen vor lässt. Nach den Worten von VW-Chefdesigner Klaus Bischoff soll der "avantgardistische Business-Class-Gran-Turismo gleichermaßen Herz und Verstand berühren".

Der Arteon basiert wie Golf, Tiguan, Touran, Passat und viele weitere Konzernmodelle auf dem Modularen Querbaukasten (MQB). Diese Plattform mit Quermotor und im Falle des Arteon auf 2,84 Meter gestrecktem Radstand sorgt für ein üppiges Raumangebot sowohl für die Passagiere der ersten als auch der zweiten Reihe, auch der Kofferraum ist mit 563 bis 1.557 Litern großzügig dimensioniert, ohne allerdings die Vorgabe des Passat Variant (650-1.780 Liter bei 2,79 Metern Radstand) erreichen zu können.
Premiere für neues Frontdesign / Gute Details
Optisch ist ein groß, satt und ansatzweise bonzig wirkendes Auto entstanden, das vor allem an der Front eine neue Designsprache zeigt: Kennzeichen sind eine weit nach vorn und bis über beide Kotflügel reichende Motorhaube und ein Kühlergrill, der die gesamte Fahrzeugbreite einnimmt und mittig weit nach unten gezogen ist. Die Scheinwerfer verschmelzen dabei mit den verchromten Querspangen des Kühlergrills und der Motorhaube. Im Ergebnis wirkt der Arteon, sowieso schon vier Zentimeter breiter, noch wuchtiger als es der Passat bereits tut. "Kein Kühlergrill ist breiter und tiefreichender als der des Gran Turismo", schwärmt VW entsprechend.

Weitere Merkmale sind die weit nach hinten gezogene Dachpartie, die rahmenlosen Seitenscheiben und der Verzicht auf einen Trennsteg im Glas der hinteren Türen. Selbst das vordere Dreiecksfenster, zuletzt bei allen neuen VW ein Störenfried, ist verschwunden. Das dritte Seitenfenster in der C-Säule mit seinem breiter werden Chromrand ist ebenfalls auffällig. Anders als beim Passat verläuft die seitliche "Charakterlinie" oberhalb der Türgriffe anstatt genau durch diese, der Modellschriftzug am Heck ist erstmals bei VW mittig und in gesperrter Schrift platziert.

Insgesamt folgt der Arteon in Konzept und Designsprache dem Audi A5 Sportback. Wo der Audi vielleicht eine Spur eleganter daherkommt, wirkt der Arteon jedenfalls auf den ersten Bildern expressiver und sportlicher, in manchen Details wie etwa dem Bereich der Rückleuchten und dem Übergang von Blech zu Glas am Heck auch schlicht schöner gezeichnet. Vor allem die bis an die Radläufe heruntergezogene Motorhaube (aktives System zum Fußgängerschutz) - eine der größten im ganzen VW-Konzern - setzt hier Akzente. Wenn man sie öffnet, blickt man auf die Radhausschalen - ungewöhnlich für ein Modell außerhalb der Sportwagen-Welt.
Interieur à la Passat
Das Arteon-Interieur gibt sich - anders als nach der Vorläufer-Studie zu vermuten - längst nicht so aufgehübscht wie die Karosserie. Vielmehr setzt VW hier aus Kostengründen auf die weitestgehende Übernahme des Passat-Cockpits, das für sich genommen abgesehen von der Fake-Lüftungsleiste gut gelungen ist, manchem Arteon-Interessenten aber zu bieder erscheinen dürfte. Die digitalen Instrumente lassen sich die Wolfsburger auch im Topmodell separat bezahlen. Enttäuschend: Zwar gibt es eine Drei-Zonen-Klimaanlage, aber nach wie vor nur als abgespecktes System, das zwar die Temperatur separat steuern kann, nicht aber Luftverteilung und Gebläsestärke.

Umfangreicher als im Passat ist die Auswahl an Farbkombinationen und Sitzbezügen in Stoff und/oder Alcantara und/oder Leder und die Umsetzung der Ambientebeleuchtung. Außerdem kommen im Arteon bereits die neuen, aus dem Golf bekannten Infotainmentsysteme (MIB III, 6,5-9,2 Zoll) zum Einsatz, sie sind aber hier wie dort nicht bündig in die Konsole integriert. Beim Passat erwarten wir notabene die entsprechende Umstellung noch vor dem Facelift, mithin spätestens im Herbst.
Konventionelle Antriebspalette
Motorseitig gibt es überwiegend bekannte Kost. Die Basis bildet der neue 1,5 TSI mit 150 PS und Zylinderabschaltung, der nur mit manuellem Getriebe zu haben ist. Eine Stufe höher werkelt der 2,0 TSI mit 190 PS und 7-Gang-DSG, Topmodell ist die 280 PS starke Variante. Einen Partikelfilter weisen alle drei nicht auf. Wer trotz der aktuellen Diskussion einen sparsamen und drehmomentstarken Diesel bevorzugt, hat die übliche Wahl zwischen den Zweiliter-Aggregaten mit 150, 190 und 240 PS. Die beiden stärksten Modelle sind serienmäßig mit Allradantrieb gekoppelt, für den 190-PS-TDI ist er optional erhältlich. Zumindest vorläufig nicht im Angebot ist die GTE-Variante, vor allem aber keine Sechszylinder, die das Auto ernsthaft eine Klasse höher positionieren würden.
Optimierte Assistenzsysteme
Innovativer zeigt sich VW bei der Assistenztechnik. Dass der Abstandstempomat hier künftig auch Tempolimits erkennt und automatisch umsetzt und bei Deaktivierung vor Tempoverstößen warnt, dürfte dabei nicht jedem Käufer gefallen. Der Notfallassistent (Fahrer reagiert etwa aufgrund eines medizinischen Notfalls nicht) bringt das Auto in seiner neuesten Version nicht nur in bewussten, aufmerksamkeitserregenden Schlangenlinien zum Stillstand, sondern wechselt zuvor soweit möglich auf die ganz rechte Spur.

Der Spurhalteassistent reagiert künftig auch auf andere Fahrzeuge, etwa ausschwenkende Lkw. Das Kurvenlicht wird um eine vorausschauende Regelung ergänzt: Es aktiviert sich also nicht erst durch Lenkeinschlag, sondern auch aufgrund dessen, was die Kamera "sieht" und was das Navi erwartet. Die PreCrash-Funktion wird um eine Hecksonsorik ergänzt und reagiert demzufolge auch etwa bei drohenden Kollisionen von hinten, und der Tote-Winkel-Assistent ist künftig ab zehn statt ab 30 km/h aktiv.

Anders als beim Passat gibt es den Arteon nicht als Trendline, Comfortline und Highline, sondern in der Hierarchie zusatznamenslose Basis, komfortbetonte Elegance-Variante und sportliche R-Line-Version. LED-Scheinwerfer und -Rückleuchten sowie schlüsselloses Zugangs- und Startsystem sind stets Standard. Elegance verfügt zusätzlich unter anderem über 18-Zoll-Räder, Alu-Pedalerie, dynamischen Heck-Blinker, Alu-Pedalerie und Sitzbezüge in Alcantara/Leder, R-Line zusätzlich vor allem über spezifische Front- und Heckschürzen, Felgen, Endrohrblenden und Türverkleidungen sowie einen schwarzen Dachhimmel.
Preislich kaum Aufschlag zum Passat
Zum Schluss die gute Nachricht: Auch wenn das VW-Marketing den Arteon oberhalb des Passat positioniert, so folgt er dessen ungeachtet dem früheren CC in Sachen Preisgestaltung. Zwar liegen die genauen Tarife noch nicht vor, doch der Aufschlag zum Passat Variant wird überschaubar sein, ausstattunsgbereinigt vermutlich geringer ausfallen als der Aufpreis fürs große Navi. Sprich: Wir schätzen maximal 35.000 Euro als Basispreis, mithin gut 40 bis 45 Scheine für ein gut ausgestattetes 190-PS-Exemplar mit dem branchenüblichen Rabatt.

Wer also nicht zwingend einen Kombi braucht, dürfte den Arteon ernsthaft in Erwägung ziehen, schon weil er etwas frischer wirkt und dank der großen Heckklappe nicht allzu viel unpraktischer ist als der aus dem gleichen Werk (Emden) stammende Variant. Das neue Frontdesign freilich wird der Arteon nicht lange exklusiv spazieren fahren, denn dass es in ähnlicher Form auch das Passat-Facelift, den Touareg III und selbst das kommende Golf-SUV zieren wird, ist ein offenes Geheimnis.
Weiterempfehlen Leserbrief Autokiste folgen date  08.03.2017  —  # 12097
text  Hanno S. Ritter
IM KONTEXT: DER BLICK INS WEB