Kleiner Kölner wird schöner und besser in vielen Belangen

Neuer Ford Fiesta: Von wegen Fiasko

Früher nannte man den Fiesta auch mal Fiasko, inzwischen hat sich der kleine Kölner zu Europas beliebtestem Kleinwagen entwickelt. Zum 40. Geburtstag beschenkt sich das Auto im kommenden Jahr mit der achten Generation: Nicht nur optisch aufgewertet, sondern auch technisch in nahezu allen Bereichen optimiert.
Ford
Optisch und technisch gereift erscheint
2017 die achte Generation des Ford Fiesta
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Ford hat am Dienstag Abend im Rahmen eines großen Events den neuen Fiesta präsentiert. Der von der PR-Abteilung zur "Kleinwagen-Ikone" (v)erklärte Bestseller wird Mitte 2017 zu den Händlern rollen und dann den Abstand zum neuen Ka+ wieder etwas vergrößern.

Dies betrifft zunächst die Maße: Der Fiesta wächst bei um sieben Zentimeter in die Länge und um gut einen in die Breite, außerdem wurden die Spurweiten um drei (vorne) bzw. einen (hinten) Zentimeter vergrößert, so dass nun auch 18-Zoll-Räder Platz finden. Weil der Fiesta im Prinzip auf der gleichen Plattform steht wie bisher, ändert sich am Radstand praktisch nichts. Konkret: Die Platzverhältnisse im Innenraum werden nur minimal zulegen, was aber verschmerzbar erscheint, ist diese Disziplin doch gerade in der Kleinwagen-Klasse nicht unbedingt kaufentscheidend.

Trotz der größeren Überhänge hat Ford ein schöneres Auto geschaffen. Evolution statt Revolution war das Motto, der neue Fiesta ist klar als Fiesta zu erkennen. Ziel war es, die optische Unruhe des aktuellen Modells zurückzunehmen und durch einen Hauch von Eleganz zu ersetzen. Dies spiegelt sich besonders anschaulich in vereinfachten Linien und Oberflächen wider. So kommt die Motorhaube ohne die zentralen Längssicken aus, wodurch der neu gestaltete obere Kühlergrill stärker in den Vordergrund rückt. Die Scheinwerfer tragen ebenfalls einen zurückhaltenderen Look, die hinten ansteigende Fensterlinie sorgt für einen Hauch von Dynamik, und auch die Spiegelblinker sind schöner geworden.

Am Heck sorgen geteilte Leuchten für mehr Breitenwirkung und Spielraum beim Lichtdesign, auch die nun vertikalen Rückstrahler, die aufwendiger modellierte Heckschürze und die endlich vernünftige Wischergeometrie gefallen. Nicht zuletzt hat Ford auch den als sichtbaren Einsatz ausgeführten Bereich von Griffleiste und Kennzeichenbeleuchtung deutlich verschönert.

Kenner werden auch eine höhere Qualität bzw. Detailliebe in Kleinigkeiten entdecken: So fügen sich etwa die Parksensoren schöner in die Stoßfänger ein, die Spritzdüsen der Scheibenwaschanlage bleiben unterhalb der Motorhaube verborgen, die Antenne sitzt endlich hinten, und das Spaltmaß zwischen hinterer Dachkante und Heckklappe fällt um etwa ein Drittel geringer aus als beim noch aktuellen Modell. Auch der Dachkantenspoiler schmeichelt dem Auge viel mehr als bisher. Nicht in dieses Bild passt nur die weiterhin vorhandene, ebenso hässliche wie überflüssige Griffmulde am Tankdeckel, der überdies noch immer unpraktisch auf der Fahrerseite angesiedelt ist.

Auch das Interieur zeigt sich deutlich gereift. Aus der Schalterwüste mit dem irgendwo am Horizont versteckten Mini-Monitor wurde eine einteilige, weitgehend knopfbefreite Mittelkonsole. Auf ihr thront ein Touchscreen für Audio, Navigation und Multimedia. Er ist ausstattungsabhängig ordentliche 6,5 oder sogar feine acht Zoll groß und beherbergt das neueste auch sprachgesteuerte SYNC3-System von Ford mit Apple CarPlay, Android Auto und Ford App-Link. Während ein CD-Spieler extra kostet, sind Bluetooth und USB-Anschlüsse stets serienmäßig. Auch die Klimabedieneinheit hat eine Schönheitskur erhalten, das Display des Bordcomputers misst jetzt 4,2 Zoll.

Neu in Sachen Ausstattung und Extras sind ein beheizbares Lenkrad, ein Soundsystem von B&O mit zehn Lautsprechern und 675 Watt Ausgangsleistung und ein Panorama-Glasdach, das sich - bei Ford muss man das betonen - auch öffnen lässt. Natürlich verfügt der Fiesta auch über mehr Assistenztechnik als bisher. Sie basiert auf bis zu zwei Kamera-, drei Radar- und zwölf Ultraschall-Modulen. Gemeinsam können sie einen 360-Grad-Bereich überwachen und bei Geradeausfahrt die nächsten 130 Meter der Straße scannen.

Realisiert sind Ein- und Ausparkassistent mit automatischem Bremseingriff und Querverkehrswarnung, Geschwindigkeitsbegrenzer, Abstandstempomat, Toter-Winkel-Assistent, Müdigkeitswarner, Fahrspur- und Fahrspurhalte-Assistent, Distanzwarner sowie eine optimierte Verkehrszeichenerkennung und ein ebenfalls verbesserter Fernlichtassistent. Wichtigste Errungenschaft ist wohl der erstmals bei Ford erhältliche Pre-Collision-Assist mit Fußgänger-Erkennung auch bei Nacht. Zur Scheinwerfertechnik schweigen sich die Kölner noch aus.

Die Motorenpalette besteht aus Benzin- und Dieselmotoren; alternative Antriebe sind zunächst nicht geplant. Der vielfach ausgezeichnete, turbobefeuerte 1,0-Liter-Dreiyzlinder "Ecoboost" wird wieder mit 100, 125 und 140 PS angeboten. Ford konnte sich allerdings nicht ganz von konventionellen Maschinen trennen: In den Basismodellen werkelt ein nicht-aufgeladener Dreizylinder mit nun 1,1 Litern Hubraum in den Leistungsstufen 70 und 85 PS, der wenigstens vierzylindrige 1,25-Liter-Motor ist Geschichte. Dieselseitig bleibt es beim 1,5 TDCi, der nun statt mit 75 und 95 PS mit 85 und 120 PS offeriert wird. Bis af die saugenden Basis-Benziner erhalten alle Varianten ein neu entwickeltes manuelles Sechsganggetriebe, für den Basis-Ecoboost ist optional auch eine Sechsgang-Automatik erhältlich.

In Sachen Verbrauch werden die Ecoboost-Modelle nur minimal unter den bisherigen Werten liegen, der schwächere Diesel wird künftig voraussichtlich mit 3,1 statt 3,6 Litern Normverbrauch gelistet sein. Hierzu trägt auch das Start-Stopp-System bei (künftig Serie außer im Basismodell).

Wie es sich für einen echten Generationswechsel gehört, hat sich Ford den Fiesta auch insgesamt noch einmal ganz genau angeschaut und an vielen Stellen optimiert. Versprochen sind eine steifere Karosserie, eine präzisere Lenkung und geringere Karosserieneigung in Kurven, ein höherer Federungs- und Abrollkomfort, ein kürzerer Bremsweg (trotz Scheibenbremsen als Serienstandard erst ab 100 PS), eine schnellere Airbag-Auslösung beim Seitenaufprall, leichter öffnende Türen (jetzt auch mit dem automatischen Türkantenschutz), wirkungsvollere Regenrinnen im Dach und ein größeres Wischfeld vorne.

Der Geräuschkomfort profitiert von der besseren Karosseriestruktur, weniger Vibrationen aus dem Antriebsstrang und gesenkten Windgeräuschen. Erwähnenswert sind schließlich das voluminösere Handschuhfach, die größeren Flaschenhalter, bessere Kopfstützen und die breitere Kofferraumöffnung. Während Ford nun auch für die hinteren Außenplätze Gurtstraffer und Gurtkraftbegrenzer bietet, entfällt der Knieairbag für den Fahrer. Dieser erübrige sich dank neu gestalteter Gurtschlösser, heißt es nebulös.

Neu ist eine stärkere Differenzierung der einzelnen Modelle innerhalb der Baureihe. Angeboten werden zunächst die "normalen" Modele Trend und der höherwertig ausstaffierte Titanium. Die bereits im Vorgänger eingeführte sportliche ST-Line wird fortgeführt. Erstmals überträgt Ford auch das besonders luxuriöse "Vignale"-Konzept auf den Kleinwagen, der dann mit viel Ausstattung und eigenständigen Design-Akzenten den Kunden einen hohen Preis abverlangt und bei Ford die Kassen klingeln lässt.

Wichtigste Neuheit ist aber der Fiesta Active, eine mit Offroad-Anleihen auf SUV getrimmte Version nach üblicher "Cross"-Manier, die sozusagen der bessere Ecosport wird. Das Konzept will Ford künftig auch in anderen Baureihen anbieten.

Auf Basis des simplifizierten Designs besitzt jede dieser vier verschiedenen Fiesta-Varianten einen eigenständigen Charakter, der sich durch verschiedene erweiterte Individualisierungsoptionen dem persönlichen Geschmack anpassen lässt. Hierzu gehören etwa Kontrastfarben für die Dachpartie und die Außenspiegelgehäuse sowie Deko-Elemente für die Mittelkonsole und die Beifahrerseite des Armaturenträgers.

Gebaut wird der Fiesta VIII auch künftig in Köln. Mitte 2017 kommt die die achte Generation, die Ford ganz unbescheiden als "technologisch fortschrittlichsten Kleinwagen der Welt" betitelt, in den Handel; Preise liegen entsprechend noch nicht vor. Dass Ford nicht nur das Auto, sondern auch dessen Konditionen zumindest ein bisschen optimiert hat, liegt auf der Hand - zu eigenen Gunsten. Wem der Fiesta dann zu teuer ist, findet womöglich im Ka+ eine deutlich einfacher gestrickte, aber kaum kleinere und vor allem günstigere Alternative.
Weiterempfehlen Leserbrief @Autokiste folgen 30.11.2016  |  # 12031
Redaktion: Hanno S. Ritter
IM KONTEXT: DER BLICK INS WEB