Bezahlbares Stadtauto / Mehr Platz als Emotionen

Unterwegs im Ford Ka+: Schlicht und einfach

Ford schickt den völlig neuen Ka+ in den Konkurrenzkampf der ganz Kleinen. In der ersten Vorstellung konnten wir dem Auto nicht viel abgewinnen. Ob sich das auch hinter dem Lenkrad bestätigt, klärt der Fahrbericht.
Ford
Viel größer, fünftürig und indisch-
brasilianischer Herkunft: Der neue Ford Ka+
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Was kann der Ka+ dafür, dass der Autor ihn zunächst so schrecklich findet, weil er gerade auf kleinen Straßen ein wunderbares Stündchen mit einem 420 PS starken, turbofreien, heckgetriebenen und auch noch "handgerissenen" Achtzylinder verbracht hat? Nichts kann er dafür, natürlich, und ob es vom Ford-Marketing eine gute Idee war, den Testwagen in diesem goldgelbkupferfunkelnden Lack bereitzustellen, der weder mehrheitsfähig noch sinnvoll eingepreist (850 Euro!) ist, darf man ebenso bezweifeln wie die Reihenfolge der Probefahrt zwischen Mustang und Ka. Macht aber nichts, Autowechsel ist man gewöhnt, und auch Kleinstwagen haben ihren Reiz, wenn auch in völlig anderer Weise.

Kleinstwagen also, nicht zu verwechseln mit Kleinwagen, das ist jenes Segment, das viele Massenhersteller bedienen, obwohl die Margen katastrophal sind. Man hofft eben, Kunden zu binden und aufsteigen zu sehen, und man hofft, dass Kleinvieh auch Mist macht. Leichter geht das in Kooperationen, wie sie entsprechend gerade bei den ganz Kleinen mehr die Regel als die Ausnahme sind: VW/Seat/Škoda sei genannt, Peugeot/Citroën/Toyota, Smart/Renault oder eben Ford/Fiat. Halt - das war einmal. Denn wo Ford vor ziemlich genau 20 Jahren den ersten, noch immer optisch merkwürdig anmutenden Ka selbst in Deutschland entwickelt hatte, entstand der Nachfolger zusammen mit dem Fiat 500 und kam aus einem Werk in Polen.

Diese Kooperation ist inzwischen aufgelöst, Ford will die Sache lieber selbst in die Hand nehmen, und Fiat hat jedenfalls in der 500er-Familie keine Absatzsorgen. Aus Merkenich stammt das Auto dennoch nicht, das wäre wirtschaftlich nicht darstellbar gewesen. So kommt der Ka+, der auf der Fiesta-Basis steht, einerseits aus Brasilien, wo er entwickelt wurde, und andererseits aus Indien, wo er vom Band läuft - das Konzept eines Weltautos also, das schon oft mehr schlecht als recht funktioniert hat, siehe Ford Ecosport. Dieses Mal hat Ford sich mehr Mühe gegeben, die Ingenieure haben diverse Detailverbesserungen unter anderem an Fahrwerk und Geräuschdämmung ersonnen, die für die europäischen Modelle Standard sind.

Vor allem aber hat sich der Ka in der dritten Auflage ein Plus gegönnt, aber keines, das extra Kohle kostet wie die gerade allüberall sprießenden "Plus"-Angebote der Medienhäuser. Vielmehr kennzeichnet es, dass der Ka einen ganz wesentlichen Unterschied zum ausgelaufenen Modell mitbringt: Er ist wesentlich größer, streckt sich um über 30 Zentimeter mehr als bisher - und krazt mit 3,93 Metern schon richtig am Reich der Kleinwagen. Und er ist stets ein Fünftürer, womit Ford zweifellos praktischer und mutiger agiert als die meisten Mitbewerber. Ob es auch optisch zu einem Plus gereicht, ist natürlich Geschmackssache - wirklich schön ist der Ka+ nicht, aber der Ka kam auch nie an die Pfiffigkeit des Schwestermodells von Fiat heran.

Man kann allerdings guten Gewissens hinzufügen, dass er auch nicht wirklich schlecht aussieht. In der hier gefahrenen und fotografierten Topversion mit dunklen Scheiben und lackierten Außenspiegelgehäusen sieht das Auto in natura sogar tendenziell besser aus als auf den ersten Werksfotos, lediglich die Rückleuchten und der Bereich der C-Säule hätten gerne noch eine Extrarunde im Designzentrum verbringen dürfen. Der relativ stämmige Look geht auch darauf zurück, dass Ford nicht mickrige 14-Zoll-Räder mit 165er-Reifen à la VW montiert, sondern 195er-Pneus auf 15 Zoll, serienmäßig. 16-Zöller gibt es nicht.

Der Raumgewinn stört beim Fahren nicht, der Ka+ ist klein, recht wendig und einigermaßen übersichtlich. Im Gegenteil: Ein bisschen mehr Platz um den Kopf und die Ellenbogen zu haben, ist nie verkehrt, und weil die Sitze auch wegen der nicht voll integrierten Kopfstützen recht bequem sind, stellt sich durchaus ein angenehmes Gefühl ein. Der Kofferraum bietet 270 Liter Platz, mehr als klassenüblich und ebenfalls schon fast Kleinwagen-Niveau erreichend. Für ein Stadtauto ist das absolut ausreichend - solange kein Kinderwagen mit muss.

Schade, dass der Ka+ an etlichen Stellen nicht verbergen kann, wie stark der Rotstift seine Entwicklung begeleitete. Ein Beispiel hierfür ist der fehlende Kofferraumgriff. Geöffnet werden kann die Heckklappe nur von innen über einen kleinen Schalter, der nicht eben praktisch neben dem Lichtschalter angeordnet ist, oder per Schlüssel. Auch die Tankklappe öffnet von innen, mit einem wackelig wirkenden Hebel, der sich irgendwo zwischen Türschweller und Fußmatte verbirgt.

Die Instrumentierung und der pixelige Bordcomputer wirken wie in einem 1990er-Jahre-Auto, und der weit vorne platzierte, winzige Bildschirm des "Sync"-Systems macht dessen durchaus vorhandene Möglichkeiten - Musikstreaming, Freisprechanlage, Notrufassistent, Sprachsteuerung - schnell vergessen. Wenn man sich 100-Euro-Tablets vor Augen hält, mag man nicht verstehen, warum Ford hier keinen vernünftigen Touchscreen eingebaut hat - Renault und Peugeot etwa schaffen das doch auch. So wird sicher ein Teil der Zielgruppe, nämlich junge Autofahrer, direkt abgeschreckt.

Auch das funzelige Halogen-Tagfahrlicht dürfte sogar nicht modebewusste Kund(inn)en die Stirn runzeln lassen. Ein Start-Stopp-System und selbst einfache Assistenten hat Ford erst gar nicht im Programm, auch keine Automatik, kein automatisiertes Schaltgetriebe und keinen sechsten Gang. Schiebedach, Navigation, Rückfahrkamera, Abbiegelicht? Fehlanzeige, sowas gibt es bei der Konkurrenz.

Interessant: Längst nicht überall tendiert der Ka+ ins Primitive. Die Sitzlehnen vorne bieten Pompadurtaschen, der Heckwischer ist schön verkleidet, der Tankstutzen kommt ohne extra Verschluss aus, das Nummernschild ist zweifach beleuchtet, die Gurtschlösser hinten sind versenkt, der Lichtschalter klassisch als Drehschalter ausgeführt, die Parkpiepser vierfach vorhanden, sechs Airbags, Nebelscheinwerfer und sogar zwei Rückfahrleuchten sind an Bord - alles keine Selbstverständlichkeiten in diesem Segment.

Dies gilt erst recht für die angenehme Mittelarmlehne vorne (im Paket mit Sitzheizung), die geteilt umklappbare Rücksitzbanklehne, die Ausführung als Fünfsitzer und das überdurchschnittliche Tankvolumen von 42 Litern. Auch die vielen Cupholder und Ablagemöglichkeiten gefallen.

In Sachen Antrieb liegen Licht und Schatten ebenfalls nah beieinander. 1,2 Liter Hubraum hat das Maschinchen, entweder mit 70 oder mit 85 PS bei fast identischem Drehmoment (105/112 Newtonmeter bei jeweils 4.000/min.). Die von uns gefahrene stärkere Version fühlt sich nach allem an, nur nicht nach Stärke - im Zeitalter der Turbomotoren wirken solche konventionellen Aggregate immer ziemlich zugeschnürt. Man kommt also voran, man ist jedenfalls abseits der Autobahn (Vmax 169 km/h) auch nicht völlig untermotorisiert, und doch macht das Fahren keine rechte Freude: Die 85 PS wirken wie 60, man vermisst nicht so sehr die schiere Beschleunigung als mehr eine gewisse Mühelosigkeit des Fahrens.

Andererseits ist auch klar: Die meisten Konkurrenten - die wichtigste Ausnahme ist der VW Up als TSI - sind in dieser Disziplin nicht oder kaum besser, in einer anderen dafür sogar schlechter: Ford, wo man sonst so stolz ist auf einen gut gelungenen Dreizylinder-Motor, setzt beim Ka+ auf vier Töpfe. Ergebnis sind eine gute Laufkultur, ein unspektakuläres, aber angenehmes Geräusch - und auch in Sachen Haltbarkeit dürfte diese langjährig verbaute und einfach konstruierte Maschine keinerlei Probleme haben. Seriöse Angaben zum Verbrauch erlaubt die Länge der Testfahrt nicht, geschätzt kommt man mit 6,5 Liter über die Runden (Normverbrauch leistungsunabhängig 5,0l).

Im Fahrverhalten gibt sich der Ka+ keine Blöße: Das Wägelchen liegt ordentlich auf der Straße, umrundet Kurven neutral und federt anständig. Die vergleichsweise breiten Reifen und der überdurchschnittliche Radstand sind hier hilfreich, so liegen etwa zwischen dem Ka+ und dem unruhigen Renault Twingo Welten. Klappergeräusche gibt es nicht, und auch sonst ist die Verarbeitung jedenfalls am Testwagen nicht kritikwürdig.

Um die Logistik und damit die Kosten im Zaum zu halten, bietet Ford den Ka+ in nur zwei Versionen an, die sich sowohl in Sachen Ausstattung als auch Motorisierung unterscheiden. Kunden können also den schwächeren Motor mit karger Ausstattung ordern - das Basismodell dient dabei hauptsächlich der Preiskosmetik (9.990 Euro) -, oder sich für das Topmodell "Cool & Sound" entscheiden, das die Extra-PS ebenso mitbringt wie Klimatisierung und SYNC-System. Das kostet dann ab 11.400 Euro und sollte stets Variante der Wahl sein.

Das Testfahrzeug, zusätzlich u.a. mit Klimaautomatik, Alurädern, Sitzheizung, Parksensoren und Fensterhebern hinten, dem teuren Metalliclack und Alarmanlage ausgestattet, trug gar ein 14.600-Euro-Preisschild. Vierzehn-Sechs? Dafür bekommt man auch einen fünftürigen, ähnlich ausgestatteten Fiesta, werden Sie denken, und das ausweislich des Ford-Konfigurators, der ganz nonchalant 3.100 Euro vom Listenpreis abzieht, ganz ohne Feilschen.

Vor diesem Hintergrund ist man geneigt, den Fiesta zu empfehlen. Bei Licht betrachtet ist der aber in der aktuellen, bald auslaufenden Generation nicht schöner, kaum größer und mutmaßlich nicht sicherer. Bleiben als Fiesta-Argumente die Unterstützung von Arbeitsplätzen in Deutschland und die größere Auswahl an Motoren und Optionen - doch wer sie nutzt, landet gleich auch in einer höheren Preisregion.

Wenn die (und ein im Detail liebevoller gemachter VW Up oder Hyundai i10) nicht in Frage kommt, kann der Ka+ durchaus eine pragmatische Alternative sein. Der, und dann reicht es auch, ist schlicht und einfach - ein großes kleines, ganz und gar durchschnittliches, überwiegend emotionsbefreites Auto, mit dem vor allem jene zufrieden zum Supermarkt und Kindergarten fahren dürften, die sich nicht so sehr für das Thema interessieren.

(Dass das Leben eigentlich zu kurz ist, um nicht immer Mustang zu fahren - das ist eine andere Geschichte.)
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Redaktion: Hanno S. Ritter
IM KONTEXT: DER BLICK INS WEB