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Donnerstag, 14. Dezember 2017,
Deutlicher Raumgewinn / Design und Technik enttäuschend

Neuer Ford Ka+: Fortschritt ist relativ

Ford zeigt den neuen Ka. Die dritte Generation des Kleinstwagens macht vieles anders als bisher: Die neue Größe mit fünf Türen und brasilianisch-indischer Herkunft trifft auf Beliebigkeit im Design und Lücken bei Ausstattung und Technik.
Ford
Der neue Ford Ka
wird größer, aber nicht schöner
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Der Ford Ka heißt künftig Ka+. Wofür das an VW oder Toyota erinnernde Kürzel stehen soll, thematisiert Ford nicht. Während das Auto in diversen Punkten anders konzipiert als bisher, bleibt als Interpretationsmöglichkeit für das Plus vor allem das Raumangebot.

Hier ist der Ka+ seinem Vorgänger deutlich überlegen, was ganz simpel daran liegt, dass er wesentlich größer wird. Wo der nun auslaufende Ka der zweiten Generation zusammen mit Fiat entwickelt und produziert wurde und sozusagen ein Schwestermodell des Fiat 500 ist, setzt die Neuauflage auf die B-Plattform des Ford-Konzerns, die auch für Fiesta, B-MAX und Ecosport als Basis dient. Daraus folgt ein massives Längenwachstum um 31 Zentimeter auf 3,93 Meter, was den Ka+ quasi aus der Kleinstwagen- in die Kleinwagen-Liga katapultiert: Der Fiesta ist gerade einmal vier Zentimeter länger.

Der Längenzuwachs geht einher mit der Umstellung auf zusätzliche Türen im Fond. War der Ka bisher nur als Dreitürer zu haben, ist er es künftig ausschließlich als Fünftürer - und wird damit, selbst wenn hinten niemand einsteigt, einerseits praktischer und zweitens näher an den Kundenwünschen: Dreitürer sind nur als Lifestyle-Modelle wie Opel Adam, Mini oder eben Fiat 500 gut verkäuflich.

Parallel zum Längenzuwachs wächst auch der Radstand, und zwar um 19 Zentimeter auf 2,49 Meter. Zusammen mit der gegenüber dem Fiesta um vier Zentimeter angehobenen Dachlinie entsteht ein merklich optimiertes Platzangebot für die Passagiere. Das Kofferraumvolumen wächst um 45 auf 270 Liter, kaum weniger als beim Fiesta (max. 295). Dass sich die Klappe nur noch von innen oder per Schlüssel öffnen lässt, ist dagegen ein klarer Rückschritt.

Der KA+ teilt sich wie bereits berichtet die Basis-Struktur mit den in Brasilien und Indien schon eingeführten Versionen. In Brasilien ist das Fahrzeug als 4-Türer (ebenfalls unter dem Namen KA+) und als 5-Türer (unter dem Namen KA) eingeführt, in Indien heißt es Figo Aspire. Die Modelle für den europäischen Markt stammen aus indischer Produktion und wurden von den Ingenieuren auf hiesige Anforderungen angepasst. Insbesondere betrifft dies das Fahrwerks-Layout - speziell Lenkung, Federn, Dämpfer, vordere Stabilisatoren und Verbundlenkerachse hinten -, die Reifenausrüstung, den vorderen Hilfsrahmen und die Motorhalterung. Auch die Geräuschdämmung wurde optimiert.

Kürzer und höher als ein Fiesta, brasilianisch-indischer Ursprung und Kostendruck - kann das optisch gut gehen? Nein, "nicht wirklich". Der Ka+ lässt das durchaus ansehnliche Design des Ka hinter sich. Die ersten Bilder zeigen ein eher lustlos und beliebig gezeichnetes Auto, das - denkt man sich den markenspezifischen Kühlergrill als bestes Merkmal und die Logos weg - auch von einem anderen Hersteller stammen könnte. Gerade die Beliebigkeit überrascht, war doch schon der Ur-Ka in den Augen vieler zwar hässlich, aber doch höchst eigenständig.

Speziell die weit nach hinten reichenden Fondtüren, die 08/15-Rückleuchten, die lange Dachantenne vorne und die aufgesetzten Waschdüsen vermögen nicht zu überzeugen, ebenso wirken die Räder auf den Fotos noch mehr unterdimensioniert als anderswo. Rückstrahler in der hinteren Stoßstange oder eine längere dritte Bremsleuchte hätten dem Auftritt sicher auch gut getan. Kurzum: "Sehr ausgewogen proportioniert" ist das Ka+-Erscheinungsbild nur im PR-Text des Autobauers.

Dass Hartplastik das vorherrschende Material im Interieur ist, mag man unter Kostengesichtspunkten nachvollziehen, das Ambiente wirkt allerdings überdies unruhig und in der optischen Güte weit entfernt von Mitbewerbern wie VW Up, Hyundai i10 oder eben Fiat 500. Einen Touchscreen sucht man auch in der Topversion vergebens, hier ist selbst der Opel Karl fortschrittlicher. Aus bislang vier Rundinstrumenten mit symmetrischer Anordnung hat Ford drei mit unterschiedlicher Zeigerausrichtung gemacht.

Gut gefällt dagegen der konventionelle Lichtschalter und die Vielzahl an Ablagen. Erwähnenswert von deren nicht weniger als 21 Stück sind insoweit einerseits die Türtaschen, die vorne jeweils eine 1,0- und 0,6-Liter-Flasche und einen Taschenregenschirm gleichzeitig aufnehmen können, sowie ein allerdings kleines "Geheimfach" links im Armaturenträger, das nur bei geöffneter Türe zugänglich und damit besonders diebstahlsicher ist.

In Sachen Sicherheit erfreut der Ka+ mit den sechs serienmäßigen Airbags - zwei mehr als bisher und bei etlichen Konkurrenzmodellen. Gleichzeitig aber schert sich Ford nicht im geringsten um andernorts erhältliche Sicherheitssysteme wie etwa eine radargestützte Notbremsfunktion, einen Spurassistenten oder eine Rückfahrkamera; auch gibt es nur Halogen-Scheinwerfer, und selbst das Tagfahrlicht muss ohne LEDs auskommen.

Ein Blick auf die Motoren: Anstelle des 1,2-Liter-Aggregats von Fiat mit 69 PS verbaut Ford eine gleich große Maschine auf Basis des Fiesta 1,25, die mit 70 und 85 PS angeboten wird. Es handelt sich um einen saugenden Vierzylinder, der "sanft, aber agil" anspreche, lässt der Autobauer verlauten. Auf deutsch: Er wirkt im vergleich zu modernen Turbomotoren eher schlapp, ist aber laufruhig und haltbar.

Zur Kraftübertragung steht ausschließlich an ein manuelles Fünfganggetriebe bereit. Während Fahrleistungs-Daten noch nicht vorliegen, steht der Ka+ mit einem Normverbrauch von jeweils 5,0 Liter im Datenblatt - sogar ein Zehntel mehr als bisher, der Größenzuwachs lässt grüßen. Fortschritt sieht anders aus, und da passt es ins Bild, dass weder Diesel noch alternative Antriebe vorgesehen sind.

Weniger knuffiges Design, höherer Verbrauch, Produktion außerhalb Europas - so recht hört sich das nicht nach einem Erfolgsmodell an, zumal die Preise in Ordnung gehen, aber auch nicht vom Hocker hauen: Der Ka+ mit 70 PS und Basisausstattung kostet ab 9.990 Euro, das sind 700 Euro mehr als bisher. Unter Berücksichtigung des Plus' an Platz, Türen und Ausstattung ist dies sicher angemessen, manchem Kunden in dieser preissensiblen Klasse aber möglicherweise dennoch viel, zumal etwa ein Opel Karl günstiger ist. Besser klingt der Ka+ "Cool & Sound" mit 85 PS, der ab 11.400 Euro zu haben ist, das bedeutet 300 Euro, aber auch 16 PS mehr als bisher.

Fords Marketinglogik sieht vor, den stärkeren Motor ist nur mit der höheren Ausstattungslinie zu verkaufen, die im Wesentlichen manuelle Klimaanlage sowie Radio (mit Ford SYNC, Sprachsteuerung und Applink) umfasst. Auch die meisten Extras stehen nur für das höherwertige Modell zur Wahl, u.a. Klimaautomatik, getönte Scheiben, Sitzheizung, Fensterheber hinten, DAB, Lederlenkrad, Tempomat mit Limiter und Aluräder (max. 15 Zoll). Ein Navigationssystem wird nicht angeboten, ebenso Schiebedach und Automatik.

Gerade einmal knapp 7.000 Exemplare des gealterten Ka hat Ford im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft. Die Zahl dürfte beim Ka+ wachsen, doch wir vermuten: in Maßen. Der Ka+ ist nicht schön und nicht modern genug, um 108/C1, Karl, 500, i10, Forfour/Twingo oder Up/Citigo/Mii ernsthaft zu ärgern.
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text Hanno S. Ritter
IM KONTEXT: DER BLICK INS WEB