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Freitag, 24. November 2017,
Große Limousine mit Allradlenkung kommt zur IAA

Renault Talisman: Neues Glück in der Mittelklasse

Nach dem vor allem zuletzt glücklosen Laguna hofft Renault jetzt auf einen Glücksbringer: Der komplett neu entwickelte Talisman ist einerseits viel schöner, andererseits schließt er technisch zum Mittelklasse-Standard auf – und geht teilweise darüber hinaus.
Renault
Geschärftes Design und modernisierte Technik:
Mit dem Talisman meldet sich Renault in der Mittelklasse zurück
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Es beginnt mit einer Übertreibung: Renault bezeichnet den Talisman als "Coupé-Limousine", obwohl er genau das noch weniger ist als schon jene Modelle à la CC oder CLS, die man gemeinhin so bezeichnet. Tatsächlich macht der Wagen auf Schrägheck und suggeriert vielleicht eine große Heckklappe wie ein Skoda Superb, ist tatsächlich aber ein klassischer Viertürer mit konventionellem Kofferraumdeckel.

Deutliches Wachstum: Der Talisman streckt sich auf 4,85 Meter Länge bei 2,81 Meter Radstand und ist 1,87 Meter breit. Bisher standen 4,69, 2,76 und 1,81 Meter im Datenblatt. Versprochen sind entsprechend ein großzügiges Raumgefühl; das Platzangebot soll laut Renault zum Besten der Mittelklasse gehören. Das Kofferraumvolumen wächst von 450 auf 608 Liter. Das ist zweifellos ein guter Wert, der einen Texter in Paris offenbar gänzlich aus der Spur gebracht hat: "So passen beispielsweise vier Golfbags in das Gepäckabteil des Talisman", lässt Renault dazu zielgruppenirrelevant verlauten - man wähnt sich kurz in einem Text der "Premiumhersteller", die diesen auch dort überwiegend dämlichen Vergleich gerne nutzen.

Auf technischer Seite neu sind u.a. Voll-LED-Scheinwerfer, die offenbar sogar serienmäßig zum Einsatz kommen, ein Head-up-Display (Bauart mit sichtbarer Projektionsscheibe), bessere Sitze mit Massagefunktion und Ventilation, eine in fünf Farben schaltbare Ambientebeleuchtung und das Online-Multimediasystem Renault R-Link 2 mit integrierter Navigation. Interessant: Je nach Ausstattung liefert Renault ein Display im Querformat mit 7 Zoll Größe oder im Hochformat mit 8,7 Zoll Diagonale; in beiden Varianten kommt für den Touchscreen die vom Smartphone bekannte Kapazitiv-Technologie zum Einsatz. Die Instrumente sind teilweise digital ausgeführt.

Nach der Weltpremiere im Espace kommt auch im Talisman das "Multi-Sense"-System zum Einsatz. Damit lassen sich Lenkung, Gangwechsel, Dämpfung und Ansprechverhalten des Motors ebenso individuell regeln wie Innenraumbeleuchtung, Klimatisierung, Sitzmassage, Instrumentengrafik und Motorensound.

Auch in Sachen Assistance schließt der Talisman an den aktuellen Standard der Mittelklasse an. So stehen serienmäßig oder als Extra Sicherheitsabstand-Warner, Toter-Winkel-Warner, Spurhalte-Warner, Verkehrszeichenerkennung mit Geschwindigkeitswarner, Fernlichtassistent, Parkassistent und ein adaptiver Tempomat zur Wahl. Eine Ausnahmestellung besetzt Renault mit der Allradlenkung, die das Auto bei niedrigen Geschwindigkeiten (Hinterräder schlagen entgegengesetzt ein) besonders wendig und bei höheren Tempi (gleiche Einschlagsrichtung) besonders agil und sicher machen soll.

Motorseitig bleiben Überraschungen oder echte Neuheiten dagegen aus. Renault liefert den Talisman mit TCe-Benzinern in den Leistungsstufen 150 und 200 PS, die beide mit einem 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe kombiniert sind. Diesel-Freunde wählen zwischen 110, 130 und 160 PS, wobei die mittlere Version optional und die stärkere serienmäßig mit einem 6-Gang-DKG gekoppelt werden. Stärkere Motoren sind zunächst nicht vorgesehen, ebensowenig alternative Antriebe.

Noch ein Blick aufs Design: Laurens van den Acker und sein Team sind natürlich der von Captur, Kadjar und Espace geprägten Designlinie gefolgt. Besonderes Augenmerk lag auf dem Lichtdesign. Normalerweise findet sich das Tagfahrlicht im Scheinwerfer oder in der Frontschürze - beim Talisman in beidem. Dies ergibt ein interessantes, so bisher nicht gekanntes Antlitz, das auf den ersten Fotos durchaus stimmig wirkt. Am Heck trägt der Talisman Leuchten, die in ihren Auslegern bis zum zentralen Marken-Rhombus mit nun integrierter Rückfahrkamera reichen. Damit dies auch zur Geltung kommt, sind die Rückleuchten stets aktiv - ganz so wie eine zeitlang bei BMW und aktuell beim neuen Audi TT.

Der Kühlergrill wirkt etwas uninspiriert, aber mächtig, der kleine Einsatz in den vorderen Kotflügeln, der sich in einer Einbuchtung bis in die vorderen Türen zieht, überflüssig. Im Übrigen aber hat Renault auf Effekthascherei, wie etwa durch seitliche Tornadolinien, sinnvollerweise verzichtet, und dem Auto einen Hauch von Eleganz mitgegeben. Der Talisman wirkt nicht nur durch die lange Karosserie groß und gestreckt, sondern auch durch subtilere Maßnahmen wie etwa das ungeteilte Fenster in den hinteren Türen, wie es lange Zeit auch ein Passat trug. Gegenüber dem immer belang- und lieblos wirkenden Laguna hat der einstige Créateur d'Automobiles hier fast schon einen Paradigmenwechsel erreicht.

Der Talisman wird auf der IAA im September seine Weltpremiere feiern, aber erst Anfang 2016 in den Verkauf gehen. Dass (vielleicht schon zum Genfer Salon im März 2016) ein Kombi folgen wird, scheint sicher - aber das seltene, feine Laguna-Coupé wird Renault unglücklicherweise nicht transformieren. Der Rest ist absehbar: Der Talisman wird Renault zurück ins Bewusstsein der Käufer in der Mittelklasse bringen und die Verkaufszahlen des Laguna deutlich übertreffen, ohne in Deutschland ein Verkaufsschlager zu werden. Die wichtigsten Konkurrenten sind dabei nicht so sehr Passat, Superb oder Mondeo, sondern eher Peugeot 508, Hyundai i40, Mazda6 und Toyota Avensis.
Weiterempfehlen Leserbrief Autokiste folgen date 08.07.2015  —  # 11516
text Hanno S. Ritter
IM KONTEXT: DER BLICK INS WEB