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Mittwoch, 19. September 2018,
Aldi, Edeka, Lidl u.a. als Startpartner / Nur Mercedes hat werksseitige Lösung

Lkw-Abbiegeassistent: Ministerium startet Aktionsbündnis

Wenn Lkws rechts abbiegen wollen und sich gleichzeitig von hinten Fußgänger und vor allem Radfahrer nähern, kommt es immer wieder zu sehr schweren Unfällen. Wirkungsvoll verhindern können dies Lkw-Abbiegeassistenten, deren nach wie vor geringe Verbreitung jetzt ein Aktionsbündnis zu ändern versucht. Das Bewusstsein scheint vorhanden, es fehlt aber oft noch am (finanziellen) Willen der Durchsetzung.
Lkw-Abbiegeassistent: Ministerium startet Aktionsbündnis
Edeka
Edeka und andere setzen freiwillig auf den lebensrettenden
Abbiegeassistenten im Lkw, den es werksseitig bisher nur von Daimler gibt
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Tote-Winkel-Assistent - ein komisches Wort, aber unter den Assistenzsystemen im Pkw eines der sinnvollen, denn es vermeidet Kollisionen aufgrund fehlender Sichtbarkeit anderer Verkehrsteilnehmer im toten Winkel. Die Technik ist sowohl bei passiven als auch aktiven Systemen mit Lenkeingriff weitgehend ausgereift, einmal abgesehen von der schlechten Signalisierung im Außenspiegelglas (außer bei Audi und besseren VW), und sie verbreitet sich zunehmend bei Neuwagen.

Bei Lkw sieht das anders aus. Vor zehn Jahren schon hatte MAN einen Abbiegeassistenten entwickelt, aber mehr als ein PR-Projekt wurde bis nicht daraus - bis heute. Als einziger Hersteller bietet seit 2016 Daimler solche Systeme werksseitig an, und zwar in den Mercedes-Baureihen Actros, Antos und Arocs und seit Neuestem auch für den Econic und die Setra-Reisebusse. In weiteren Lkw- und Bus-Baureihen aber gibt es auch hier die Technik noch nicht zu kaufen, und dort, wo es sie gibt, verlangt Daimler rund 2.500 Euro Aufpreis dafür.

Im Vergleich zum Fahrzeugpreis ist dies nicht allzu viel, für etwa zwei Drittel der Käufer aber laut Daimler dennoch kein Kreuzchen im Kaufvertrag wert, obwohl die Technik erwiesenermaßen Leben rettet, das Image befördern und nicht zuletzt auch die Fahrer vor schweren psychischen Belastungen schützen kann.

Auch unter dem Eindruck öffentlichen Drucks unter anderem durch eine Petition hat sich nun Verkehrsminister Andreas Scheuer des Themas angenommen. Bei einem runden Tisch mit rund 70 Vertretern von Speditionen, Herstellern, Verbänden, Clubs, Polizeivertretern und weiteren Teilnehmern wurde am Dienstag in Berlin die "Aktion Abbiegeassistent" ins Leben gerufen. Ziel ist es, alle nationalen Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Einführung zu beschleunigen. Eine rein nationale Pflicht zur Ausrüstung ist laut Scheuer europarechtlich nicht durchsetzbar. Diese lässt laut Plänen der EU-Kommission bis 2022 auf sich warten, wenn nicht zuvor der öffentliche Druck auch in anderen Ländern zu groß wird.

"Zukünftig sollte kein Lkw mehr unterwegs sein, der nicht mit einem Abbiegeassistenten ausgerüstet ist. Dafür setze ich mich als Bundesminister ein - und ich werde nicht locker lassen. Wir stehen alle in der Verantwortung!", sagte Scheuer. Das Bundesverkehrsministerium will als Vorbild vorangehen und bis 2019 alle Nutzfahrzeuge ab 3,5 Tonnen der nachgeordneten Behörden mit Abbiegeassistenten ausstatten. Neue Fahrzeuge werden mit den Systemen beschafft, bereits vorhandene Fahrzeuge werden nachgerüstet im Rahmen von turnusmäßigen Wartungen und Reparaturen. Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) mache den Start - mit mehr als 260 Lkw.

Auch etliche Unternehmen haben sich der Initiative öffentlichkeitswirksam angeschlossen, allerdings mit unterschiedlichem Engagement. So erklärte Edeka nebst Discount-Tochter Netto, jedes Neufahrzeug ab sofort mit einem Abbiegeassistenten auszurüsten. Dabei will man einerseits auf das Mercedes-System, andererseits auf eine bereits 2015 in Eigenregie entwickelte und seither 600 Mal verbaute Nachrüstlösung setzen. Auch die Nachrüstung der Flotte, einer der größten in Deutschland, soll fortgesetzt werden.

Aldi Süd und Aldi Nord sind ebenfalls mit von der Partie. Man verpflichte sich, bei Neuanschaffungen stets auf die entsprechende Technik zu setzen, erklärte die Unternehmen. Allerdings soll dies erst ab 2019 gelten, und Aldi sieht auch reine Kamerasysteme ohne Sensorik als ausreichend an.

Solche Selbstverpflichtungen - Neuanschaffung zwingend, Nachrüstung optional - sind Voraussetzung, um sich "Sicherheitspartner" der Aktion nennen und einen entsprechenden Aufkleber mit Logo und dem Hashtag #IchHabDenAssi nutzen zu dürfen. Zu diesen zählen zum Start neben Aldi und Edeka/Netto auch DB Schenker, Dekra, Alba Group, Lidl und ein Osnabrücker Aktionsbündnis aus regionalen Speditionen.

Neue Ankündigungen von Herstellern wie MAN, Scania oder Volvo gab es indes ebensowenig wie eine Verlautbarung von Mercedes, die vorhandene Technik zum Serienstandard zu machen. Die Stern-Marke, die sich rühmt, viele Sicherheitsinnovationen im Nfz-Bereich als erste eingeführt zu haben, hat ebenfalls keine Weiterentwicklung avisiert: Während gute Assis im Pkw notfalls in die Lenkung eingreifen, können die Lkw-Systeme nur optisch und akustisch warnen, anstatt den Anker zu werfen.

Ziel kann nur sein, die Zahl solcher schrecklichen Unfälle auf Null zu reduzieren. Dafür müssen Hersteller, Kunden, Lkw-Fahrer - und auch die Radfahrer - ihren Teil beitragen.
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text  Hanno S. Ritter
IM KONTEXT: DER BLICK INS WEB