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Dienstag, 12. Dezember 2017,
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SL-Flaggschiff mit 612 PS und 1000 Nm Drehmoment kommt im Juni

Stärkster Roadster der Welt: Mercedes SL 65 AMG

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Mercedes SL 65 AMG
DaimlerChrysler
Welches Modell ist das stärkste oder schnellste Modell von Mercedes? Nun, an den Maybach mag man denken, und mit 550 PS aus zwölf Zylindern gehört er gewiss zu den Spitzenreitern im modernen Automobilbau, fährt aber dennoch nicht vorneweg. Dann muss es wohl der SLR McLaren sein, jene nur in Kleinserie gebaute Reminiszenz an die legendären Mercedes-Flügeltürer?! Ja, in punkto Schnelligkeit ist das wahr, aber nicht in punkto Leistung: Der SLR lebt von seinem vergleichsweise geringen Gewicht, so dass ihm nur acht Zylinder und 780 Newtonmeter ausreichen, um nahezu alle anderen stehen zu lassen.

Die richtige Antwort in punkto Leistung lautet, jedenfalls bald: Es ist der SL 65 AMG. Während in der 55er-Variante des AMG-Motors (5,5 Liter-V8), die man u.a. aus M-, E-, G- und demnächst sogar auch der aufgefrischten C-Klasse kennt, schon bis zu 500 Pferde und 700 Newtonmetern werkeln, legen die Stuttgarter in S-, CL- und eben SL-Klasse noch eines drauf. Der Zwölfzylinder leistet 612 PS und, anschnallen, 1.000 Newtonmeter Drehmomentmaximum. Damit macht er den SL nach Mercedes-Lesart zum stärksten Roadster der Welt.

Die Basis des AMG-Motors bildet der Zwölfzylinder aus der S-Klasse, der dort seit der letzten Modellpflege schon beachtliche 500 PS leistet und damit die Kunden, vor allem aber die Mitbewerber in München und anderswo, in großes Erstaunen und gewisse Hektik versetzt hat. Neben der Hubraumerweiterung von 5.513 auf 5.980 Kubikzentimeter - die Modellbezeichnung täuscht wieder einmal mehr Hubraum vor als tatsächlich vorhanden ist - sind zahlreiche weitere Detail-Maßnahmen für den Leistungs- und Drehmomentzuwachs verantwortlich. In erster Linie ist insoweit die Biturboaufladung mit groß dimensionierten Turboladern und leistungsfähiger Wasser-Ladeluft-Kühlung zu nennen. Dazu kommen u.a. Schmiedekolben, Haupt- und Pleuellager aus extrem temperatur- und druckbeständigem Werkstoff sowie vergrößerte Öffnungen in den Einspritzventilen, um einen höheren Kraftstoffdurchsatz zu erzielen. Hightech wird bereits beim Öffnen der Motorhaube offenbar: Die neu gestaltete Abdeckung über der in Handarbeit gefertigten Maschine aus tiefgezogenem Aluminium und kohlefaserverstärktem Kunststoff (CFK) ist ein optischer Leckerbissen. Wer genau hinschaut, entdeckt auch die AMG-typische Motorplakette, auf der der verantwortliche Techniker mit seiner Unterschrift für die Qualität "bürgt".

Das Ergebnis sind also 1.000 Newtonmeter Drehmoment, die konstant zwischen 2.000 und 4.000 Umdrehungen anliegen; selbst bei 1.000 Touren stehen schon 570 Newtonmeter zur Verfügung. Wer es darauf anlegt, kann diese Kraft dazu nutzen, den Roadster, obwohl dem "L" wie "leicht" in seinem Namen schon lange nicht mehr gerecht werdend, in sagenhaften 4,2 Sekunden auf Tempo 100 zu katapultieren. Nach 12,9 Sekunden bereits ist Tempo 200 erreicht, und schon wenige Sekunden später regelt die Elektronik bei 250 km/h den Vortrieb ab, wenn auch gemutmaßt werden darf, dass diese Sperre auf Wunsch von solventer Kundschaft im Einzelfall auch angehoben werden dürfte. Damit ist der SL 65 AMG nochmals schneller als etwa der gleichmotorisierte CL 65 AMG.

Nicht nur der Motor, sondern nahezu die gesamte übrige Mechnik und Technik des Roadsters musste dem Leistungspotenzial angepasst werden. Zu nennen sind etwa ein neu abgestimmtes AMG-Sportfahrwerk und nicht zuletzt die Hochleistungsbremsanlage mit belüfteten und gelochten Grauguss-Verbundscheiben vorne und hinten, die wie bei SL, CLS und SL üblich elektrohydraulisch angesteuert wird (SBC, Sensotronic Brake Control).

Spezielle Antriebswellen, größer dimensionierte Radträger und -lager sowie spezielle Federlenker an der Hinterachse ergänzen die Maßnahmen. Im verstärkten, mit einem Kühlkörper ausgestatteten Hinterachs-Differenzialgehäuse sitzt ein mechanisches, asymmetrisches Lamellen-Sperrdifferenzial mit einem Sperrfaktor von 40 Prozent unter Last; speziell bei sehr sportlicher Fahrweise soll es in Verbindung mit dem ebenfalls neu abgestimmten ASR gute Traktion ermöglichen.

Serienmäßig ist das ABC-System (Active Body Control) mit AMG-spezifischen Federbeinen und straffer abgestimmten Dämpfern. Auf Knopfdruck kann der Fahrer ein noch sportlicheres Kennfeld wählen, womit sich Wank- und Seitenneigung nochmals deutlich reduzieren lassen. Die Kraftübertragung obliegt der hauseigenen Fünfgang-Automatik mit Lenkradschaltung und manuellem Fahrprogramm, die in weiten Teilen ebenfalls dem Leistungspotenzial angepasst werden musste.

Noch ein Blick auf die Optik, die für Diskussionen sorgen dürfte: Während sich manch einer über die imageträchtigen AMG- und sonstigen Schriftzüge sowie die veränderte Optik freuen mag, werden andere das früher gepflegte Understatement schmerzlich vermissen und sich fragen, warum man in jüngster Zeit keinen unauffälligen, aber pfeilschnellen Mercedes mehr bekommt, dem allerhöchstens echte Kenner ansehen, was unter der Haube steckt. Konkret trägt der AMG-SL eine veränderte Frontschürze, deren größere Lufteinlässe Wasser-, Öl- und Ladeluftkühler mit ausreichend Frischluft versorgen und im übrigen auch an die Optik der Formel 1-Safety Cars erinnern sollen, sowie einer ebenfalls modifizierten Heckschürze als Heimat der zweiflutigen Abgasanlage mit ovalen Doppel-Endrohren links und rechts. Dazu kommen größere Seitenschwellerverkleidungen, dunkel getönte Rückleuchten, ein AMG-spezifischer Kühlergrill und an den vorderen Kotflügeln zwei Chromschriftzüge "V12 BITURBO". Die Kraft auf die Straße zu bringen obliegt 19 Zoll-Rädern mit Mischbereifung im Format 255/35 vorne und 285/30 hinten.

Im Interieur fällt das Auge zunächst auf Einstiegsleisten aus "geätztem und poliertem Aluminium" mit AMG-Logo und dann auf den Instrumenteneinsatz mit Alcantara-Hutze, völlig übertriebener 360-km/h-Skala und noch einem "V12 Biturbo"-Schriftzug. Serienmäßig verbaut Mercedes u.a. BiXenon-Licht, das COMAND-System mit DVD-Technik, Sound-System und CD-Wechsler. Platz genommen werden darf auf spezifischen AMG-Multikontur-Sportsitzen mit feinem Nappaleder-Bezug und elektrischer Verstellung mit Memoryfunktion.

Im Juni, wenn die aktuelle SL-Klasse auch schon das dritte Jahr fast vollendet hat, wird die AMG-Version als fünfte Variante zu den Händlern rollen. Der Kompressor-V8 im SL 55 AMG wird weiterhin angeboten. Für das Topmodell sind nicht weniger als knapp 202.000 Euro einzuplanen, aber die anvisierte Kundschaft dürfte es im Zweifel nicht allzu sehr interessieren, dass man für das Geld auch zwei gut ausgestattete SL 350 bekommen würde. Andererseits ist das auch weniger als die Hälfte der Summe, die für einen nur achtzylindrigen SLR auf den Tisch zu blättern sind...
Weiterempfehlen Leserbrief Autokiste folgen date 11.04.2004  —  # 3038
text Hanno S. Ritter
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