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Mittwoch, 20. November 2019,
Werkstatt-Gutschein über 100 Euro bis Jahresende

Mercedes: Geschenk für Diesel-Update (aktualisiert)

Das Thema mit zu schmutzigen Dieseln verfolgt Mercedes-Benz zunehmend. Hunderttausende von Autos wurden und werden mit Software-Updates sauberer und/oder rechtskonform gemacht. Damit das schneller von statten geht, lockt der Hersteller die Fahrzeugeigner jetzt sogar mit Geld.
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Mercedes-Benz bietet Kunden, die eines der Software-Updates für ihr Diesel-Fahrzeug in Deutschland aufspielen lassen, einen Gutschein im Wert von 100 Euro. Das teilte das Unternehmen am Montag in Stuttgart mit. Man bedanke sich damit bei den Kunden für ihr Vertrauen, sagt Georg Abel, Leiter Vertrieb Service und Mitglied der Geschäftsleitung des Mercedes-Benz Cars Vertrieb Deutschland (MBD). "Und natürlich möchten wir damit auch einen Anreiz schaffen, dass das Update möglichst schnell aufgespielt wird."

Die Gutscheine gelten sowohl für Fahrzeuge, die Teil der freiwilligen Serviceaktion sind als auch für Fahrzeuge, für die das Kraftfahrt-Bundesamt einen Rückruf verpflichtend angeordnet hat. Kunden mit Fahrzeugen, bei denen das Update bereits durchgeführt wurde, erhalten den Gutschein ebenfalls, wenn sie sich darum kümmern. Die Aktion läuft bis zum 31. Dezember 2019. Der Gutschein kann dann bis Ende 2020 verrechnet werden – für Werkstattleistungen, Ersatzteile oder Zubehör.

Kunden, deren Fahrzeug aktualisiert werden soll, informiert Mercedes-Benz schriftlich. Darüber hinaus kann über ein Online-Tool festgestellt werden, ob ein Fahrzeug Teil des Rückrufes oder der freiwilligen Maßnahme ist. Daimler bietet Software-Updates nach eigenen Angaben für einen "Großteil der Diesel-Flotte mit Fahrzeugen der Abgasnormen Euro 5 und Euro 6b". Insgesamt wurden mehr als 500 variantenspezifische Kits entwickelt.

Nach wie vor bieten die Stuttgarter im Rahmen des Konzepts der Bundesregierung für saubere Luft in den Schwerpunktregionen Umtauschprämien von bis zu 10.000 Euro. Außerdem übernimmt Daimler bei Kunden mit Euro-5-Dieseln die Kosten einer Hardware-Nachrüstung durch Drittanbieter bis zu einem Maximalbetrag von 3.000 Euro (brutto). Auch dies gilt nur in den Schwerpunktregionen.

Ob das Unternehmen die Lock-Maßnahme auf Druck des KBA durchführt, ist nicht bekannt, aber durchaus denkbar. Während die in dieser Sache höchst schweigsame Behörde immer neue Pflicht-Rückrufe auch für solche Mercedes-Modelle erlässt, die bislang in der freiwilligen Maßnahme enthalten waren, von ihren Besitzern aber nicht zur Werkstatt gebracht wurden, könnte der Autobauer so negative Schlagzeilen durch weitere offizielle Rückrufe womöglich vermeiden oder jedenfalls minimieren. Auch wenn 100 Euro Gutschein zunächst nach nicht viel klingt, ist die Angelegenheit keine, die das Marketing mal eben so ersonnen hat: Bei insgesamt bis zu vier Millionen Fahrzeugen können Kosten von 400 Millionen Euro entstehen.

Allgemein sollten sich gutscheinberechtigte Kunden genau überlegen, ob sie dem sternenhaften Lockruf folgen. Anwälte raten oft davon ab, das Update aufspielen zu lassen, um nicht ohne Not eine starke Verhandlungs- und Rechtsposition aufzugeben. Der mögliche Schadenersatz im Klagefall beträgt ein Vielfaches der ausgelobten Prämie. Rechtsanwalt Dr. Ralph Stoll sagte dieser Redaktion auf Anfrage, er habe das Gefühl, dass Daimler hier den Kunden das Update aufdrängen wolle, um Prozesse zu verhindern. Er warne vor vorschnellem Handeln. Stoll führt mit seinem Partner über 10.000 Klagen gegen Volkswagen und andere Autobauer und zusammen mit zwei weiteren spezialisierten Anwälten in einer Spezialgesellschaft auch die Musterfeststellungsklage.
Leserbrief Autokiste folgen date  21.10.2019  —  # 13074
text  Hanno S. Ritter
IM KONTEXT: DER BLICK INS WEB
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