Editorial / Zeit- und klassenloses Auto macht noch heute Freude

Eine Woche im Golf IV: K!eine Zumutung

Autokiste
Insgesamt sehr erfreulich:
Golf IV "Special" von 2002
[Editorial] Die Autos in Deutschland werden immer älter. Für die Hersteller ist das schlecht, für den Fahrer nicht unbedingt: Eine Woche unterwegs im schwach motorisierten, bald zehn Jahre alten VW Golf IV – eine Zumutung? Eher im Gegenteil, meint Hanno S. Ritter.
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Im Frühling 2002 habe ich für einen Bekannten, der von Autos ungefähr so viel versteht wie ich von Fußball (nämlich null,nix), einen VW Golf IV bestellt und in der damals noch recht jungen Autostadt abgeholt. Der Mann fuhr das Auto sodann jeden Schultag von München nach Augsburg und zurück, und wohl ein-zwei Mal in den Sommerurlaub, alles andere blieb ihm erspart: Zum Einkaufen und für andere innerstädtische Fahrten bevorzugte der Bekannte ausnahmslos die U-Bahn.

2007, als ich für den gleichen Freund einen Golf V bestellte und überführte, ergab sich die Gelegenheit, den Golf IV zu übernehmen. Ein Langstrecken-Auto also, bis auf minimalen Tabakgeruch perfekt erhalten und bis heute schön anzusehen: Dass Volkswagen den Audi-TT- und Golf-IV-Designer Peter Schreyer zu Kia hat ziehen lassen, verwundert noch immer.

Ich erinnere mich noch gut: Der Golf IV war schon bei seiner Premiere, damals auf der IAA, ein echter Hingucker: Klarglas-Scheinwerfer mit integrierten Blinkern kannte man 1997 kaum, das von der Heckklappe in die -schürze versetzte Nummernschild war unüblich-auffällig, die serienmäßigen Ausstiegsleuchten vorne ebenso überraschend-cool wie die blaue Instrumentenbeleuchtung und die BMW-like leicht angewinkelte Mittelkonsole, und endlich hatte der Golf als einer der ersten in seiner Klasse einen vernünftigen Heckwischer.

Doch zurück zu meinem Exemplar: "Black magic perleffekt" ist damals wie heute die beste Farbe für den Golf IV, und so steht er morgens vor mir, leider ungewaschen. Eine Woche wollen wir zusammen verbringen. Also los. Gut, dass nicht schon auf den ersten dreihundert Meter was passiert, denn zunächst muss ich mich arg konzentrieren, nicht auf die so normal gewordenen Parkpiepser zu vertrauen, und dann fahre ich ohne Licht los - wie "Panne" ist das denn? -, denn das muss man hier tatsächlich noch selbst anschalten. Immerhin ist die Schalterkulisse beleuchtet und versehentlich aktives Fernlicht tendenziell ausgeschlossen - das kann man nicht von jedem modernen Auto sagen, wie gerade ein Renault im Redaktions-Fuhrpark zeigt.

Die Fahrt zur Waschanlage ist noch ein bisschen bockig, man kennt das in einem ungewohnten Auto. Sitzposition, Kupplungsgefühl, Lenkung, Spiegelperspektiven, alles ist anders als gewohnt. Doch das bessert sich, und als die Damen und Herren von Mr. Wash ihre 25 Euro für Waschen, Innenreinigung und das (sogenannte) Handwax eingestrichen haben, macht es gleich mehr Spaß.
Gute Ausstattung, feine Details
Das Wetter ist prima, ist öffne das elektrische Schiebedach, das noch ohne Panorama-Zusatz auskommt und bestens funktioniert. Zum Büro lasse ich mich vom damals nachgerüsteten Becker-Navi lotsen, das, juchz, ganz ohne Kartendarstellung, Festplatte und i-Konnektivität im DIN-Schacht steckt, aber trotzdem oder gerade deswegen hervorragend funktioniert. Warum, by the way, ist diese Art Navi eigentlich ausgestorben? Soll mir keiner erzählen, ein hässlich an der Scheibe klebendes Navigon/TomTom sei doch sooo viel besser (und den nächsten Renault-Vergleich lasse ich mal bleiben).

Unterwegs hole ich mir noch schnell einen Kaffee beim großen, inzwischen grünen M, und erfreue mich an dem detailverliebten Cupholder, den VW heutigen Golf-Kunden so nicht mehr gönnt. "Entfeinern" nennt man diese Sparpolitik, und dafür gibt es noch mehr Beispiele: Am Golf IV wickelt die Schnur von der Gepäckraumabdeckung tatsächlich noch automatisch auf wie an einem Maßband - so etwas versüßt mir den Tag ebenso wie die fünf- statt dreistufige Sitzheizung und das inzwischen abgeschaffte Display an der Klimaautomatik.

Sie ist nur ein Ein-Zonen-System, und vom Schreibtisch aus betrachtet mag man darüber die Nase rümpfen. Im realen Leben des Stadtverkehrs erscheint es dagegen geradezu völlig nebensächlich. Sechs Airbags und ESP (serienmäßig schon 2002) hat das Auto auch, und dass es trotzdem wohl nicht so sicher ist wie ein aktuelles Modell, ist einer der Nachteile, die man nicht wegdiskutieren kann. Das Licht dafür ist besser als an manch neuerem VW mit den dämlichen Projektionsscheinwerfern; Leseleuchten, zwei Mittelarmlehnen mit Fach, Alarmanlage, Fensterheber rundum, fernbediente Zenralverriegelung, die immer noch schön anzusehenden Original-Alus oder die bichromatischen (ok, das Wort stammt aus meiner Mercedes-Zeit) Heckleuchten erfreuen ebenfalls.

Die Ausstattung ist nicht voll, aber doch gut, nur beim Thema Motor hatte der Herr S. seinerzeit kein Extra-Geld freigegeben. So arbeitet unter der Haube der 1,4-Liter-Benziner mit 75 PS, und er ist wahrlich keine Offenbarung. Aber auch an fehlendes Drehmoment und Langweiler-Sound kann man sich gewöhnen, zumindest in der Stadt. Auf der Autobahn wird es früh laut und ungemütlich, das sollte man nur testweise machen - oder sich freuen, wie viel besser das der Golf gegenüber einem acht Jahre jüngeren Caddy beherrscht. Insgesamt hat dieser im Prinzip noch heute gebaute Motor seine Vorteile: Genauso wie er stinklangweilig ist, ist er arg anspruchslos. Mehr als Sprit - leider zu viel - und Öl braucht er nicht, und er hat bisher bis auf den Ausfall zweier Zündspulen, der ärgerlicher als teuer ist, keinerlei Sperenzchen gemacht.
Zuverlässigkeit gut, Fahrverhalten problemlos
Überhaupt: Die Zuverlässigkeit ist prima, was man leider nicht von jedem VW in der Familie behaupten kann. Ja, die plötzlich in die Tür fallenden Seitenscheiben wegen fehlkonstruierter (entfeinerter) Fensterheber erlebt jeder Golf-IV-Fahrer einmal (...bei uns war es beidseits abends im Winter), und warum eine Schraubenfeder brechen muss, bleibt auch offen. Ansonsten: Ein undichter Kühler und - nichts. Lichtmaschine, Anlasser, Elektronik, Stoßdämpfer - alles o.B. respektive i.O. Selbst der Auspuff hat fast 150.000 Kilometer gehalten, wobei die ersten Langstrecken-Jahre inzwischen durch argen Kurzstrecken-Verkehr aufgewogen wurden.

Das eigentliche Fahren ist so schön unproblematisch. Man kann und muss nichts programmieren, auch die alte MFA alias Bordcomputer kennt schon zwei Ebenen (nicht aber Reichweite), die Sitze wirken im zehnten Jahr so sauber und straff wie seinerzeit auf der Überführungsfahrt, die Scheibenwischer nicht schlechter als moderne, und der Blick auf die klaren Instrumente verrät, was man gemeinhin mit dem Adjektiv "zeitlos" meint. Zeitlos ist das ganze Auto, in punkto Design gehört es noch immer zum besten, was VW je auf die Räder gestellt hat, und ans Image muss man erst recht keine Gedanken verschwenden: Ein Golf IV ist noch heute so klassenlos wie kaum ein anderes Auto - am Steuer sitzen schicke "Abi 2011"-Mädels und Mediendesigner, Handwerker und Hausfrauen, Oberärzte und Oberlehrer - und alle anderen. Schließlich ist der Golf IV noch immer das am meisten verbreitete Auto auf Deutschlands Straßen.

Der alte Golf lenkt einen Tick schwergängig, bremst prima, schaltet ordentlich, ist nicht allzu laut, liegt erstaunlich gut auf der Straße selbst in etwas "sportlicher" angegangenen Kurven, und seit wir die peinliche Einton-"Tröte" durch eine Doppeltonfanfare ersetzt haben, gibt es nichts zu meckern. Ja, man kann ohne Tasten auf dem Lenkrad, das nicht einmal lederbezogen ist, leben, und zwar gar nicht so schlecht wie erwartet. Hauptsache, das Lenkrad ist schön, und das ist es. Schön ist auch die Sache mit der Werkstatt: Wir fahren ein paar Kilometer aufs Land, wo die Zig-Betriebe-Ketten nicht sind und nicht sein wollen, und werden vom Chef selbst bedient, der mit seinem kleinen Laden immer wieder VW-Auszeichnungen einheimst.
"Ich mag den Golf"
Nun, es gäbe noch viel zu schreiben zum Golf IV, aber ich gehe lieber nochmal auf Tour. Am Ende bleibt eine zweifelsfrei angenehme Woche in einem bald zehn Jahre alten Auto. "Ich mag den Golf", heißt es in einer alten VW-Werbung (noch zum Golf III), und ich kann diesen Satz nur unterschreiben. Und auch wenn ein Golf VI natürlich mehr Spaß macht und ein Touareg sowieso, kann ich doch mit nur leichter Übertreibung und bezogen auf die Stadt konstatieren: Mehr Auto braucht kein Mensch.

Aktuell ist unser Golf zum Verkauf inseriert, und dass es darauf noch gar keine Resonanz gab, liegt wohl daran, dass er ernsthaft noch fünfzig Scheine bringen soll, rund ein Drittel des Neupreises. Letztlich ist mir das Desinteresse jener, die sich stattdessen lieber einen zweitürigen, dreizylindrigen, überzeichneten Kleinstwagen zum doppelten Preis "holen", nicht unrecht, denn dann behalten wir ihn einfach noch ein Weilchen. Rost ist schließlich so gar nicht Sache eines Golf IV, ganz so wie beim ebenfalls sympathischen Golf II und ganz anders als beim Golf III.

Denn das einzige, was an unserem Golf wirklich nervt, sind die zu kleinen Türtaschen vorne: Im Beifahrer-Fußraum rollt jetzt schon seit Tagen eine halbvolle Evian-Flasche durch die Gegend, ohne die die beste Frau von allen nur höchst ungern unterwegs ist. Kuller, und weg.
Pfeil Bookmark Redaktion: Hanno S. Ritter
IM KONTEXT: DER BLICK INS WEB