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Neues Weltauto gibt sich unproblematisch und unscheinbar

Unterwegs im neuen Nissan Micra

Nissan
Fahrbericht:
Nissan Micra 1,2 CVT
In Indien gebaut, als Weltauto ausgelegt, in Bayern probegefahren: Der neue Nissan Micra erfreut durch hohe Wendigkeit, ordentliche Verarbeitung und überdurchschnittliche Ausstattung. Antrieb und Details erscheinen aber noch verbesserungswürdig. Fahrbericht. 1983 erschien der erste Nissan Micra, 2011 der aktuelle, und es ist erst die vierte Generation. Solche langen Modellzyklen sind inzwischen eine Besonderheit, und ob man sie sympathisch findet oder fortschrittsbegrenzend, ist letztlich Ansichtssache.

Das in der Branche gängige Wachstum macht der Micra jedenfalls nicht mit, genauer: nur ein bisschen. Mit 3,78 Metern Länge streckt er sich eine Handbreit länger als der Vorgänger, bleibt aber locker 20 Zentimeter unter dem in der Kleinwagen-Klasse inzwischen weit verbreiteten 4-Meter-Format. In punkto Breite gibt es keine Besonderheiten, die Höhe liegt etwas niedriger als bisher, aber über dem Standard, weil Nissan das leicht kuppelförmige Dach als Stilmerkmal der Baureihe beibehalten wollte.
Allerweltsdesign für Weltauto
Im übrigen aber war Stil kein Hauptkriterium im Lastenheft. Anders formuliert: Weil Nissan den Micra erstmals als Weltauto ausgelegt hat, das nahezu unverändert in rund 160 Ländern verkauft wird, waren Designexperimente nicht gefragt. Der einst auffällige, als "Frauenauto" titulierte Micra ist zu automobiler Einheitsware geworden. Im Detail ist das zurückhaltende Design, speziell an Front und Seite, gar nicht so schlecht, wenn auch bieder. Aber die Frage, warum nicht eine vernünftige Heckwischer-Geometrie, etwas feinere Rückleuchten und eine LED-Bestückung der dritten Bremsleuchte machbar waren, muss sich Nissan gefallen lassen. Auch die singuläre Kennzeichenleuchte, die sichtbare Waschdüse hinten und die lange Antenne am vorderen Dach hätte man feiner lösen können.

Der Verzicht auf eine größere Karosserie sorgt im Verbund mit der neuen Motorengeneration, einem 41 Liter kleinen Tank und etlicher Feinarbeit an Radaufhängung, Sitzen, Armaturenbrett und der Dachkonstruktion mit den ungewöhnlichen, bumerangförmigen Sicken für eine erfolgreiche Diät. Maximal 980 Kilogramm bringt der Micra auf die Waage, immerhin 35 weniger als beim Vorgänger.

Das Raumgefühl ist auch wegen des leicht überdurchschnittlichen Kopfraums für die Frontpassagiere gut, die im direkten Vergleich mit dem Vorgänger auch die zusätzlichen Zentimeter bemerken dürften. Im Fond bleibt es aber eng - höchstens Kindern mag man das zumuten, und ob eine Babyschale vernünftig hineinpasst, konnten wir nicht ausprobieren, wagen wir aber zu bezweifeln. Insgesamt kann Nissan eben nicht hexen: Das Auto ist nicht nur kleiner als man es von Corsa, 207 oder Fabia kennt, es wirkt auch so. Abgesehen von der oft überbewerteten Parkplatz-Thematik ist das eher kein Vorteil, zumal auch der Kofferraum ein -chen verdient hat. Immerhin und nicht selbstverständlich: Wer die Rücksitzbank umklappt, erhält eine ebene Fläche.
Neuer Einheitsmotor
Unter der Haube setzt Nissan auf ein Einheitstriebwerk: Der Benziner leistet aus 1,2 Litern Hubraum 80 PS. Es handelt sich um einen Dreizylinder. Viele Kunden in der Zielgruppe werden sich darüber keine großen Gedanken machen. Nissan hat viel Mühe darauf verwandet, dem Triebwerk ordentliche Manieren beizubringen, sprich die systembedingten Unwuchten und Vibrationen zu eliminieren. Das ist auch gut gelungen, aber natürlich kann der Motor seine Bauart nicht verleugnen, speziell in punkto Geräusch. Warum noch kein Hersteller solchen Aggregaten per Soundgenerator auf die Sprünge hilft, bleibt unverständlich.

Die Leistungsausbeute von 80 PS liegt über dem bisherigen Basismotor und auch über den entsprechenden Einstiegsmodellen vieler Mitbewerber. Sie reicht für die alltäglichen Fahrten in der Stadt fraglos aus, und ebenso fraglos ist der Micra kein Temperamentsbündel, jedenfalls in Verbindung mit der von uns gefahrenen stufenlosen CVT-Automatik. Beim Standardsprint auf Tempo 100 vergehen lange 14,5 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit von 161 km/h wird nur nach längerem Anlauf erreicht. Man wird es eher selten ausprobieren wollen, weil schon ab Tempo 120 Windgeräusche den Komfort merklich beeinträchtigen.

Der Normverbrauch liegt mit CVT bei guten 5,4 Litern, in der Praxis schätzen wir ihn auf etwa 6,5. Das ist der Moment, wo man sich ein einen Diesel wünschen würde, den es aber nicht gibt und der auch nicht geplant ist. Allerdings soll im Jahresverlauf eine stärkere und zugleich sparsamere Version des Benziners folgen: Ein Kompressor sorgt dann für 98 PS.
Gutmütige Manieren
Das Fahrverhalten des Nissan Micra ist unproblematisch, Straßenlage und Federung sind für die Fahrzeuggröße gut und dank der leicht gewachsenen Spurweiten besser als beim Vorgänger. Bei schnellen Ausweichmanövern oder übermütig angegangenen Kurven sorgt das serienmäßige ESP klar für Sicherheit. Auffällig sind die früh einsetzenden Reifengeräusche - ein leichtes Quietschen gibt es schon bei etwas stärkeren Bremsungen oder beim nur mäßig flinken Abbiegen innerorts, und das, obwohl das gefahrene Exemplar mit 15-Zoll-Rädern und 175er-Reifen bestückt war. Standard im Basismodell sind nur 165 R14.
Gute Verarbeitung, prima Navi, einfaches Ambiente
Das Interieur ist funktional eingerichtet, die Instrumente gut ablesbar. Ausnahme ist der Bordcomputer mit seinem kleinen Display, dessen orangefarbene Darstellung selbst die Nicht-Smartphone-Jünger auf ihrem Handy nicht akzeptieren dürften, und der unpraktischerweise über Knöpfe auf dem Armaturenbrett links vom Lenkrad bedient wird, die auf eine vernünftige Menülogik verzichten, während das Multifunktionslenkrad die Tasten für Radio- und Tempomat-Steuerung aufweist. Da hilft es auch nicht, dass zum Start ein "Hallo" und beim Abstellen des Motors ein "Auf Wiedersehen" angezeigt wird und sogar eine Geburtstagsbegrüßung aktiviert werden kann.

Die Verarbeitung gibt keinen Grund zur Kritik, die Materialien freilich sind einfacher Machart und bisweilen auch in punkto Design kein Augenschmaus. Kein Zweifel: Der Micra ist kein Auto für haptische Freuden; der Unterschied etwa zu einem VW Polo ist merklich, mindestens. Mehr Freude macht das dreifache Handschuhfach, das über eine offene und zwei geschlossene Ablagen verfügt. Auch das umklappbare Sitzpolster im Beifahrersitz, das eine Aussparung zum Abstellen etwa einer Handtasche öffnet, ist pfiffig, und lobend erwähnt soll auch die serienmäßige Armlehne am Fahrersitz sein.

Absolut überzeugend ist auch die Vorstellung des Multimedia- und Navigationssystems Nissan Connect mit 5-Zoll-Touchscreen. Ob Navigation, Kartendarstellung, Handykoppelung oder Musikklang, Telefon-Sprachqualität oder Ausstattung - alles funktioniert bestens, ist einfach bedienbar und mit 500 Euro Aufpreis erstaunlich günstig. Die automatische Klimaanlage hatte bei warmen Temperaturen alle Hände voll zu tun, darf aber "in Summe", wie man heutzutage sagt, als ausreichend gelten; ihre Bedienung und das Vorhandensein eines Displays - mit einem dritten Orangeton - ist gut.

Dagegen mutet der optionale "Parkguide" fast schon lächerlich an: Das Auto kann beim langsamen Vorbeifahren eine Parklücke ausmessen und im Display anzeigen, ob man dort einparken kann und ob dies ggf. eher einfach oder eher schwierig wird. Wer schon einmal einen halbautomatischen Parklenkassistenten erlebt hat, wird über eine solche Funktion nur den Kopf schütteln - zumal sie völlig überflüssig ist: Der Micra gehört dank großer Fensterflächen nicht zu jener weitverbreiteten Sorte Autos, die kaum überblickt werden können. Mit einem hervorragend kleinen Wendekreis von 9,30 Metern ist der Wagen sowieso ein Muster an Handlichkeit und lässt sich in Verbindung mit der geringen Außenlänge mühelos in jede Parklücke dirigieren.
Fazit und Preis
So hinterlässt der Micra am Ende einen gemischten Eindruck. Einer guten Verarbeitung, den serienmäßigen fünf Türen, dem prima Navi und der angenehmen Wendigkeit stehen ein unschönes Motorengeräusch und ein vergleichsweise geringes Platzangebot gegenüber. Enttäuschend ist auch das Crashtest-Ergebnis von nur vier Sternen bei EuroNCAP. Die Möglichkeiten zur Individualisierung sind, typisch für japanische Hersteller, dürftig: Im Prinzip ist nur Metalliclack bestellbar, die höhere Ausstattungslinie beinhaltet zudem u.a. Glasdach, Alufelgen sowie Licht- und Regensensor. Wer sich Alarmanlage, Anhängerkupplung, Xenon- oder Tagfahrlicht, dunklere Scheiben im Fond oder auch nur eine Sitzheizung wünscht, geht leer aus.

In der gefahrenen mittleren und empfehlenswerten Ausstattungslinie "Acenta" kostet der Nissan Micra 14.400 Euro. Das klingt zunächst viel, ist aber angesichts der Ausstattung ein Wort: Fünf Türen, sechs Airbags, Multifunktions-Lederlenkrad, Klimaautomatik und Tempomat müssen anderswo zumeist extra bezahlt werden. Und sicher würden wir auch ein manuelles Getriebe bevorzugen, das den Preis noch einmal um fast 1.200 Euro senkt.
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Redaktion: Hanno S. Ritter
IM KONTEXT: DER BLICK INS WEB
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