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Montag, 23. Oktober 2017,
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Verkehrsministerium verbreitet gefährliche Unwahrheiten zum Thema

Editorial: Verkehrsminister Stolpe und seine Unkenntnis über Winterreifen

Siehe Bildunterschrift
Auch mit Winterreifen © DVR
kann man im Graben landen. Die
Wahrscheinlichkeit jedoch ist
deutlich geringer
The same procedure as every year: Kaum sind die ersten Schneeflocken im Süden Deutschlands gefallen, fühlen sich Auto-Clubs und diverse andere Organisationen berufen, die üblichen Winter-Tipps für Autofahrer zu veröffentlichen, obwohl, das nur nebenbei, die Mühe nicht lohnt: Wer informiert ist, kennt diese Tipps schon in- und auswendig, und jene, die mit zentimeterhohem Schnee auf Dach und Scheinwerfern, mit beschlagenen Scheiben rund um das Guckloch, tief in dicke Mäntel gehüllt und ohne Licht unterwegs sind, nachdem sie ihr Auto im Stand haben "warmlaufen" lassen, sind sowieso unverbesserlich und "beratungsresistent".

Eine dieser Meldungen ist mir jedoch gestern besonders aufgefallen; sie stammt aus dem Bundesverkehrsministerium (BMVBW). Dass Minister Dr. Manfred Stolpe nichts von einer generellen Winterreifenpflicht hält, lässt sich hören, wie Juristen sagen würden, ist also eine vertretbare Meinung. Er argumentiert neben rechtlichen Problemen auf europäischer Ebene damit, dass sich die Frage, ob ein Fahrzeug bei winterlichen Bedingungen noch sicher beherrscht werden könne oder auf eine Teilnahme am Verkehr "verzichtet" werden müsse, nicht durch eine abstrakte Verhaltensvorschrift beantworten lasse; dies müsse jeder Fahrzeugführer eigenverantwortlich für sich entscheiden. Das Argument ist an sich durchaus richtig, wird interessanterweise bei vielen anderen Fragen zur Verkehrssicherheit jedoch so nie geäußert.

Die eigentliche Begründung aus dem Hause Stolpe jedoch ist wirklich hanebüchen: In Deutschland seien die Straßen in der Winterzeit nur an relativ wenigen Tagen mit Schnee oder Eis bedeckt, und "bei trockener und nasser Fahrbahn haben Sommer- oder Ganzjahresreifen Vorteile", heißt es in der Presseerklärung.

Hier allerdings irren Sie wirklich, Herr Minister, und das nicht nur bei der Anzahl der Schnee-Tage. Vielmehr ist es so, dass Winterreifen bereits ab einer Temperatur von rund sieben Grad erhebliche Vorteile etwa hinsichtlich von Seitenführungskraft und Bremsweg gegenüber Sommerpneus bieten. Grund dafür ist die deutlich weichere Gummimischung bei Winterreifen. Die Pneus härten bei kalten Temperaturen nicht aus und können so die Kraft besser auf die Straße bringen bzw. halten. Stolpe, ausgerechnet der Verkehrsminister, wiederholt hier ärgerlicherweise ein gefährliches Märchen, das man inzwischen als weitgehend ausgestorben vermutete. Ich meine: Nachsitzen, Herr Stolpe!

Kurzum: Wer im Winter, gemeint ist bei kalten Temperaturen, Auto fährt, ist mit Winterreifen ohne Frage deutlich besser bedient als ohne, riskiert so ausgerüstet seinen Versicherungsschutz nicht und Eigentum oder Gesundheit anderer Menschen jedenfalls deutlich weniger. Es ohne Winterreifen zu versuchen, bringt keine oder kaum Vorteile, und cool ist es schon gar nicht. Cool ist nur, den Winter unfallfrei zu überstehen. Auch für einen Minister mit Dienstwagen, in jeder Beziehung. (hsr)
Weiterempfehlen Leserbrief Autokiste folgen date 17.12.2003  —  # 2646
text Hanno S. Ritter
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