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Montag, 11. Dezember 2017,
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Offene Version mit Stoffverdeck und separater Heckscheibe ab März im Handel

Bavarian Open: Vorstellung BMW 6er Cabriolet

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BMW 645Ci
© BMW AG
Für viele ist es die schönste Form des Reisens: Das Fahren im offenen Cabriolet. Die ursprünglichste ist es auf jeden Fall - die ersten Automobile kamen allesamt ohne Dach daher. Später, als die Automobiltechnik ihre Kinderkrankheiten hinter sich gelassen, die Fahrer sich unter ein schützendes Dach geflüchtet und die Massenfabrikation den Autos ihre Exklusivität genommen hatte, erinnerte man sich ihrer: Cabriolets wurden zur Herzensangelegenheit einer Minderheit, die es sich leisten konnte, neben das "praktische" Auto für den Transport von Mensch und Gut die "dachlose" Variante für die Freude am Fahren zu stellen - schick im Aussehen, oft kraftvoll motorisiert und genussvoll zu fahren.

Während BMW beginnend mit dem Typ 3/15 von 1929 bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs der Kundschaft etliche offene Versionen offerierte, gab es später nur noch vereinzelt Cabrios, die zum Teil auch durch die Stuttgarter Firma Baur gefertigt wurden. In den letzten Jahren war gar der offene Dreier der einzige Oben-ohne-BMW, doch jetzt gibt es endlich auch wieder ein großes Cabriolet aus München.

Basierend auf den ab Januar 2004 auf die Straßen kommenden 6er-Coupé hat BMW eine offene Variante geschaffen, die noch im Frühjahr ebenfalls zu den Händlern rollen soll. Wer erwartet hatte, dass BMW - dem allgemeinen Trend folgend - dem 6er ein variables Blechdach spendiert, sieht sich enttäuscht, oder, je nach Sichtweise, erleichtert: Das Cabrio vertraut auf ein konventionelles Stoffverdeck. In München vertritt man die Meinung, dass die Nachteile dieser Konstruktion, insbesondere die schlechtere Schall- und Wärmeisolierung, inzwischen vernachlässigbar klein sind, die Vorteile dagegen deutlich überwiegen: Ein Stoffdach ist deutlich leichter, kleiner im Ablagemaß, technisch weniger anfällig und bietet mehr Freiheit beim Design. BMW nennt die Kapuze "Finnenverdeck", womit die breiten C-Säulen gemeint sind, die erstmals, wenn auch nur ansatzweise, den für BMW charakteristischen "Hofmeisterknick" am Ende des hinteren Seitenfensters optisch aufnehmen. Durch die gestalterische Wiederholung der Finnen als Kunststoffapplikation auf dem Verdeckkasten bleibt zudem der charakteristische Eindruck des neuen Cabrios auch bei geöffnetem Verdeck erhalten.

Das Verdeck weist noch weitere Besonderheiten auf: Enormen Stauraum hätte ein konventionell gestaltetes Heckfenster beansprucht. Denn eine solche in das Verdeck eingearbeitete Glasscheibe müsste aufgrund der geringen Dachneigung sehr groß ausfallen - mit den entsprechenden Auswirkungen auf das Kofferraumvolumen beim Offenfahren. Trotzdem wäre die Rücksicht deutlich eingeschränkt, da der durchlaufende Spannbügel eines konventionellen Verdecks das Sichtfeld nach hinten massiv behindert. Mit der Finnen-Konstruktion entfällt dieser Spannbügel. Und statt der riesigen flachen Heckscheibe kommt nun ein senkrecht stehendes Fenster zum Einsatz, das kaum Stauraum beansprucht und trotz seiner viel kleineren Abmessung dem Fahrer laut BMW eine erheblich bessere Rücksicht gewährt. Es stellt ein vom Verdeck und dem Gestänge völlig unabhängiges Bauteil dar.

Der Clou, Teil 1: Bei geschlossenem Softtop ermöglicht die zwischen den Verdeckfinnen stehende Glasscheibe eine bisher nicht gekannte Komfortfunktion: Die Scheibe lässt sich elektrisch komplett zwischen Kofferraum und Rücksitzwand versenken, wodurch der Innenraum effektiv und absolut zugfrei entlüftet werden kann. Die Wirkung, so verspricht BMW, sei mindestens mit der eines Schiebedachs bei einem geschlossenen Fahrzeug vergleichbar und in punkto Fahrgeräusche sogar überlegen. Der Clou, Teil 2: Auch bei geöffnetem Verdeck kann die beheizbare Glasscheibe stehen bleiben und so als Windschott dienen.

Das Öffnen und Schließen der Dachkonstruktion erfolgt vollelektrisch vom Cockpit aus oder per Fernbedienung im Schlüssel. Der Vorgang benötigt alles in allem 25 Sekunden - ein üblicher Wert. Das geht auch bei einem kurzen Ampelstopp, selbst wenn die Zeit nicht ganz ausreicht: Die Kinematik verrichtet bis zu einer Geschwindigkeit von 30 km/h ihren Dienst.

Ein Blick in den Kofferraum: Ist das Verdeck geschlossen, kann der Verdeckkasten per Hebel zusammengefaltet und so das Volumen von 300 auf 350 Liter erweitert werden. In der Praxis bedeutet das ausreichend Platz für einen kleinen und einen großen Hartschalenkoffer, oder, wie BMW es ausdrückt, einen mittelgroßen Koffer sowie zwei 46er-Golfbags. Obschon uns langsam Zweifel kommen, ob wirklich alle Cabriofahrer und vermögenden Leute wirklich Golf spielen, ist das in dieser Klasse nach wie vor das Maß der Dinge. Sperrige Güter lassen sich dank einer Durchlade mit Skisack transportieren. Zugänglich wird der Kofferraum via Fernbedienung oder durch das in die Heckklappe integrierte BMW-Logo, das - als Griff und Öffner in einem - einen sichtbaren Schließzylinder an der Heckklappe erübrigt. Eine praktische Lösung, die man bereits von diversen Seat- und VW-Modellen kennt.

Unter der großen Haube werkelt zunächst nur der aus dem Coupé bekannte Achtzylinder mit 4,4 Litern Hubraum. Mit 333 PS und einem Drehmomentmaximum von 450 Newtonmetern bei 3.600 Touren stellt er geballte Kraft in jeder Lebenslage bereit. Typisch BMW: Wer ein manuelles Getriebe noch immer für besonders sportlich hält, wird nicht enttäuscht: Neben dem Wandler-Automaten kann der 645Ci auch mit dem aus der Formel 1 bekannten und vom Lenkrad aus zu bedienenden SMG-Schaltgetriebe oder einer herkömmlichen Schaltbox, jeweils mit sechs Fahrstufen, versehen werden. Den Sprint auf die 100 km/h-Marke erledigt das Cabriolet je nach Getriebe in 6,2 bzw. 6,8 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit wird klassenüblich auf 250 km/h elektronisch begrenzt. Den Verbrauch gibt BMW mit 11,7 Litern im Mittel (Handschaltung) an.

Im übrigen schwärmen die Münchner von einem dank der speziellen Trägerstruktur exzellenten Schwingungswert, der in dieser Klasse einzigartig sei. Die Gewichtsverteilung liegt wie von BMW gewohnt bei nahezu 50:50, wobei hier wieder das leichtere Verdeck gegenüber einem Variodach seine Vorteile ausspielt. Das Cabrio, wie auch die geschlossene Version mit einem Vollaluminimum-Fahrwerk versehen, rollt serienmäßig auf 18 Zoll-Rädern mit Runflat-Reifen der Dimension 245/45; Felgen im Format 19 Zoll und Mischbereifung ist ebenfalls erhältlich.

Auf Wunsch erhältlich sind die BMW-Erfindung der "Aktivlenkung" und die sogenannte "Dynamische Stabilitäts Control" (DSC) nebst "Dynamic Drive". Letztere gleicht die Wankneigung der Karosserie in Kurven fast völlig aus und reduziert über die Wankmomentverteilung von der Vorder- zur Hinterachse den Lenkwinkelbedarf. Auch das Head-Up Display, das wichtige Informationen wie Geschwindigkeit oder Navigationshinweise während der Fahrt ins direkte Sichtfeld des Fahrers projiziert, kostet Aufpreis.

Serienmäßig verbaut BMW lederbezogene und elektrisch verstellbare Vordersitze samt Memoryfunktion. Die Gurte sind in die Sitze integriert, was nicht nur optisch für einen sportlichen Touch sorgt, sondern auch das Einsteigen für Fondgäste erheblich erleichtert, da keine "Fußangeln" im Weg sind. Apropos Fond: Auch hier gibt es natürlich zwei Einzelsitze in Lederausstattung, außerdem versprechen die Münchner eine auch für Erwachsene ordentliche Kopffreiheit.

Das Interieur basiert im Wesentlichen auf dem der geschlossenen Variante und vertraut hinsichtlich der Bedienung etlicher Funktionen also ebenfalls auf die iDrive genannte Technik mit Dreh-Drücksteller und großem Monitor, die vor allem in ihrer ersten Version in der 7er-Reihe viel Kritik auf sich gezogen hatte. Inzwischen ist das System in der Benutzerführung deutlich verbessert, doch offensichtlich hat die Kritik BMW so sehr gefuchst, dass man iDrive im Cabrio auf Wunsch und gegen Aufpreis nun auch weitgehend per Stimme bedienen kann. Das Spracheingabesystem ist in Kombination mit der Sonderausstattung Navigationssystem Professional und dem "Car Communication Computer" (CCC) erhältlich. Kern des Systems ist die Möglichkeit, alle wesentlichen iDrive-Komfortfunktionen während der Fahrt per Spracheingabe anwählen zu können; fast alle Displayanzeigen können so via Sprache aktiviert werden. Dabei arbeitet das System sprecherunabhängig, wodurch ein zeitaufwändiges Training auf die eigene Stimme entfällt. Ebenso liest eine Sprachausgabe empfangene E-Mails, SMS-Mitteilungen, Radiosendernamen oder Auswahllisten vor. Mittels definierter Kurzbefehle ist auch ein tieferer Einstieg in die umfassenden iDrive-Funktionen möglich. Last but not least ermöglicht das Control Center, auf die Dienste des BMW Online-Portals zuzugreifen, das ausgewählte internetbasierte Leistungen bereitstellt.

Um die Sicherheit kümmern sich sechs Airbags. Die in den USA angebotenen Knieairbags gibt es hierzulande jedoch nicht: Da der Sicherheitsgurt in Deutschland weitgehend zum Einsatz kommt, sind sie nicht nötig. Natürlich verfügt auch der 645Ci über einen sich automatischen aktivierenden Überrollschutz hinter den Fondkopfstützen; ferner sind Bi-Xenon-Licht und das kürzlich präsentierte zweistufige Bremslicht serienmäßig, während Kurvenlicht wiederum nur in der Aufpreisliste zu finden ist.

Markteinführung ist laut BMW im Frühjahr. Nach Informationen der Münchner "Automobilwoche" sind die ersten Exemplare am 27. März bei den Händlern in natura zu sehen - früh genug für die Cabrio-Saison des Jahres, wenn man alsbald den Kaufvertrag unterschreibt. Dort steht allerdings ein Betrag von wenigstens 80.000 Euro (Coupé: 72.000 Euro). Für dieses Geld könnte man sich auch ein 3er-Cabrio und zusätzlich einen Z4 gönnen.
Weiterempfehlen Leserbrief Autokiste folgen date 08.12.2003  —  # 2616
text Hanno S. Ritter
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