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Montag, 16. Dezember 2019,
Octavia IV wird im Detail edler als der VW Golf

Neuer Škoda Octavia: Der mit dem Golf tanzt (aktualisiert)

Rund zwei Wochen nach dem neuen VW Golf zeigt sich auch das Schwestermodell aus Tschechien. War der Škoda Octavia früher klar die Primitiv-Alternative zum Klassenprimus, ist es nun – trotz vieler Gemeinsamkeiten – eher andersherum.
Škoda
Das ist der neue Škoda Octavia,
hier als Kombi mit Plug-in-Hybrid
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So wie der Golf noch immer das Herzstück der Marke Volkswagen ist, ist es der Octavia für Škoda. Der tschechische Ableger des ewigen Bestsellers hat sich seit der Neuauflage 1996 an die fünf Millionen Mal verkauft, ist auch in Sachen Image das wichtigste Modell der Marke, kurzum: Höchst wichtig.

Nun also die neue, vierte Generation, von der Škoda noch nicht sagen mag, wann sie zum Händler kommt. Was am gestrigen Abend in Prag erstmals vors große Publikum rollte, löste sowohl Freude als auch Überraschung aus, und das sowohl in optischer als auch technischer Hinsicht - ganz so wie vor ein paar Jahren bei der Premiere des Superb, den seinerzeit mancher als den schöneren Audi A6 empfand.

Škoda hat den grundlegenden Auftritt des Octavia nicht verändert, wohl aber an diversen Stellschrauben das Design nachjustiert, und das mit Könnerhand und mutmaßlich auch mit Herzblut: Der neue steht frisch und selbstbewusst da, ohne dabei aber mutwillig überzeichnet, kurzlebig oder aufdringlich zu wirken.

Natürlich haben die Designer das zum Facelift der auslaufenden dritten Generation eingeführte Vier-Augen-Gesicht aufgegeben, auch wenn sich dieses in der Realität gar nicht so schlecht machte wie anfangs gedacht. Der Octavia guckt nun also wieder aus einteiligen Scheinwerfern, und natürlich sind sie komplett mit LEDs bestückt. Das Tagfahrlicht zeigt eine Doppel-L-Form und dient auch als Blinker.

Der Kühlergrill hat an Breite und Präsenz zugelegt, trägt natürlich die von den anderen Modellen bekannten abgeschrägten Ecken oben und versteckt die Sensortechnik zwar nicht ganz, aber doch besser als bisher. Die Motorhaube reicht im Bereich des Markenemblems weniger weit in den Grill hinein als bisher. Die Frontschürze zeigt sich stärker konturiert und ein optisches V bildend, der untere Bereich mit den Nebelscheinwerfern wirkt aufgelockerter als bisher.

Wichtigste Änderung: Die Motorhaube reicht nun seitlich weit in die Flanke, so dass die sich ergebende Spalte zum Kotflügel genau auf Höhe der weiteren Sicke in der Flanke verläuft. Man kennt diesen ebenso unspektakulären wie wirkungsvollen Ansatz vom Scala, Superb oder Audi A4. In der Seitenansicht gibt es nur leichte Änderungen, so etwa neue Türgriffe, eine flach aufliegende Dachreling und ein weniger spitz zulaufendes Seitenfenster hinten.

Das Heck zeigt natürlich den in Lettern gesetzten Markennamen, vor allem aber nun geteilte Rückleuchten. Sie ähneln denen des Scala, sind im Detail aber besser geformt. Leider verbaut Škoda hier in der Basis nur teilweise LED-Technik, die Blinker müssen noch mit "Glühobst" auskommen. Wer aber vorne Matrix-Licht bestellt, bekommt hinten eine aufgewertete Variante mit kristallinen Elementen und animiertem LED-Blinker, ferner eine Choreografie für Coming-home- und Leaving-home-Licht.

Die Klappe lässt sich optional elektrisch öffnen, auch per Fußgeste; die Anhängerkupplung klappt elektrisch hervor, und beim Kombi entriegelt das Rollo auf Wunsch automatisch. Der Dachspoiler ist größer als bisher, das Heck wirkt etwas flacher auslaufend. Dennoch hat sich Škoda auf die Tugend der guten Raumökonomie besinnt: Trotz nur um rund zwei Zentimeter verlängerter Karosserie (4,69 Meter) nimmt es der Kombi jetzt mit 640 statt 610 Litern Gepäck auf. Die Limousine kommt auf 610 statt 600 Liter. Apropos: Die Breite wächst um anderthalb Zentimeter auf 1,83 Meter, der Radstand beträgt unverändert 2,69 Meter. Maximal sind 19 Zoll große Räder möglich.

Von außen nach innen: Ähnlich wie VW beim Golf hat Škoda hier weitreichende Veränderungen vorgenommen, dabei aber den Fokus im Detail mehr auf Funktionalität denn auf Radikalität gerichtet. Der zentrale Bildschirm misst in der Basis 8,25 Zoll, das System verfügt bereits u.a. über Handy-Einbindung, eSIM und DAB-Empfang. Darüber rangieren drei Ausbaustufen mit jeweils zehn Zoll. Das kleine System mag der Hersteller noch nicht im Bild zeigen, es verfügt aber offenbar noch über klassische Drehregler.

Die Digitalinstumente sind ähnlich wie bisher 10,25 Zoll groß und behalten auch die optisch wenig ansprechenden seitlich angeflanschten Anzeige für Tankinhalt und Wassertemperatur. Neu ist das zweispeichige Lenkrad, was ungewohnt wirkt, an dem man aber womöglich Gefallen finden dürfte. Optional liefert Škoda auch ein dreispeichiges Volant. Beiden gemein ist eine neue Tasten- und Rändelrad-Landschaft für bis zu 14 Funktionen. Den praktischen Lichtdrehschalter hat auch Škoda abgeschafft, immerhin aber anders als VW keine Heizungstasten ins Lichtzentrum verlegt.

Unterhalb des freistehenden zentralen Displays zitiert ein farblich abgesetzter Bereich die Linie des Kühlergrills. Das Armaturenbrett ist wertig bespannt mit Stoff und im übrigen mit weichem Kunststoff bedeckt, eine bis zu zehnfarbige Ambientebeleuchtung illuminiert es und die vorderen Türen. Im unteren Bereich schließt sich die Mittelkonsole an. Direktwahltasten für wichtige Fahrzeugfunktionen wie die Fahrprofilauswahl oder den Parkassistenten sind nach oben unter den Monitor gerückt. An den vorderen Türen sind die Verkleidungen jetzt zum Teil perforiert, der Bedienknopf der Außenspiegel ist auf die Armlehne direkt neben die Fensterheber-Tasten umgezogen.

Überarbeitet hat Škoda auch die Sitze. Ab der mittleren Ausstattungslinie sind Massagefunktion, elektrische Lordosenstütze und ausziehbares Sitzkissen lieferbar, die lederbezogene Topversion mit AGR-Gütesiegel bietet zusätzlich eine dreistufige Sitzbelüftung, die sich auch gleichzeitig mit Sitzheizung betreiben lässt. An den Rückenlehnen der Vordersitze gibt es zusätzlich zu den Pompadourtaschen Einsteckfächer für Handys.

Genau wie beim Golf gibt es kein verschließbares Fach mehr vorne in der Mittelkonsole, und hier wie dort wurde der Wählhebel durch den rein elektronisch funktionierenden Mini-Stumpen ersetzt, so dass dort nicht mehr manuell eine Fahrstufe gewählt, schwieriger zwischen D- und S-Fahrprogramm gewechselt und nicht mehr so praktisch der Parkmodus aufgerufen werden kann. Auch die primitiven Luftduschen ohne Rändelrad - die also nur noch in eine Richtung Luft pusten können - und die billige Hartplastik-Ausführung der hinteren Türverkleidungen haben die Tschechen vom Konzernbruder übernommen.

Insgesamt aber hat Škoda den Octavia mit erkennbar mehr Liebe zum Detail bzw. mit weniger Rotstift-Ambitionen konzipiert als die Konzernmutter den Golf - und damit die früher gelernte Hierachie endgültig auf den Kopf gestellt. So bietet der Octavia beispielsweise folgende Vorteile gegenüber dem Golf VIII:
  • Doppelter Haubenlift für die Motorhaube statt manuellem Stab
  • Bessere Aerodynamik: Cw-Wert ab 0,24/0,26 (Limousine/Kombi)
  • Größerer Kofferraum mit diversen praktischen Extras
  • Türschloss verdeckt
  • Kein Dreiecksfenster an der A-Säule
  • Kessy-Funktion (optional) an allen vier Türen
  • Sondertasten Heizung in der Mittelkonsole statt im Lichtzentrum
  • Zentralverriegelungs-Schalter zentral angeordnet
  • Türgriffe innen nach oben verlaufend
  • Isolierglas für vordere Türen erhältlich
  • USB-Anschluss optional auch in Dachkonsole, etwa für Dashcam
  • Rollo über Becherhalter
  • Becherhalter mit Einhand-Flaschenöffnungsfunktion
  • Größere Türtaschen im Fond (1,5-Liter-Flaschen)
  • Fächer für Regenschirm/Schneebesen in den Türen
  • Aufklappbarer Becherhalter und Tablet-Halter in Mittelkonsole hinten
  • Kleiderhaken an B-Säule
  • Ausklappbare Schlafkopfstützen (optional) im Fond
  • Analoge und digitale Instrumentierung erhältlich
  • Bessere Darstellung von Temperatur und Sitzheizung im Monitor
  • Tempomat-Bedienung per Lenkstockhebel
  • Abfallbehälter in den Türtaschen
  • Sonnenrollos optional im Fond
  • Kindersicherung für Fondtüren elektrisch bedienbar
  • Doppelblinker vorne
  • Schuko-Steckdose 230 V optional im Fond
  • AdBlue lässt sich auch mit Lkw-Zapfpistolen nachtanken
  • Diverse weitere "Simply-Clever"-Features vom Eiskratzer bis zum Waschwasser-Trichter
Dem kann der Golf – abgesehen von einer verdeckten Rückfahrkamera, einem besser positionierten Startknopf und mehr Farben fürs Ambientelicht – nichts entgegensetzen.

Das Motorenangebot des Octavia IV entspricht weitgehend den Erwartungen und damit dem des Golf. Die Basis bildet der Einliter-TSI mit 110 PS, darüber rangieren der 1,5 TSI mit 150 PS und der 2,0 TSI mit 190 PS. Die beiden schwächeren Benziner sind wahlweise mit manuellem Getriebe oder 7-Gang-DSG zu haben, wobei die Automatik-Varianten stets mit der als G-TEC getauften Mildhybrid-Technik mit 48-Volt-RSG gekoppelt sind. Diese Wahl lässt VW den Golf-Kunden nicht, bietet dafür aber auch eine 130-PS-Variante an.

Diesel: Die überarbeiteten 2,0 TDI mit "Twindosing"-Einspritzung von AdBlue zur nochmaligen NOx-Verringerung leisten 115 und 150 PS, das Topmodell erstarkt nicht wie erwartet auf 190, sondern auf 200 PS und 400 Nm Newtonmeter Drehmoment. Der rauhe, aber besonders sparsame 1,6 TDI hat ausgedient. Die beiden unteren Diesel gibt es mit manuellem Getriebe oder DSG, den mittleren auch mit DSG und mit DSG plus Allradantrieb, und die vorläufigen Topmodelle (Otto und Selbstzünder) kommen immer mit 7-Gang-DSG und 4x4-System.

Die Palette wird abgerundet von einer Erdgas-Version des 1,5 TSI mit 130 PS und einem Plug-in-Hybriden mit 204 PS Systemleistung analog zum Golf. Der 13 kWh-Akku soll eine rein elektrische Reichweite von 55 Kilometern ermöglichen. Dass später auch die 245-PS-Variante im Octavia RS folgen wird, ist noch nicht bestätigt, aber sehr wahrscheinlich. Die iV genannten Plug-in-Hybriden - nicht zu verwechseln mit der römischen IV für die vierte Generation des Octavia - verlangen vom Kunden allerdings Zugeständnisse nicht nur beim Preis: Das Kofferraumvolumen sinkt um rund 140 Liter, und der sowieso schon peinlich kleine 45-Liter-Tank schrumpft auf derer 40.

In Sachen Assistenztechnik entspricht das Angebot weitgehend dem des neuen Golf. So gibt es den TravelAssist mit teilautomatischem Fahren bis 210 km/h, verbesserte Versionen von Frontradar- und Tote-Winkel-Assistent, ein 360-Grad-Kamerasystem, einen Ausstiegswarner gegen sog. Dooring-Unfälle mit Radfahrern, einen Ausweichassistenten und eine Überwachung von Linksabbiege-Manövern. Auch das Head-up-Display mit Anzeige relevanter Informationen direkt in der (unsichtbar beheizbaren) Windschutzscheibe hält Einzug.

Der neue Octavia macht einen überwiegend guten Eindruck, sowohl in gestalterischer als auch technischer Hinsicht. Was fehlt, sind eine reine Elektroversion, vernünftige Luftduschen, ein besserer Wählhebel, ein größerer Tank, eine versteckte Rückfahrkamera und ein paar Kleinigkeiten mehr. Natürlich ist ein Octavia inzwischen weit entfernt vom früheren Schnäppchen-Status, die reale Preisgestaltung ist fraglos selbstbewusst. Dennoch dürfte der Octavia insoweit einen kleinen Abstand zum Golf halten, was zusammen mit den zahlreichen besseren Details und der Verfügbarkeit des Kombi nicht daran zweifeln lässt, dass die Erfolgsgeschichte der Baureihe anhalten wird. Nachdem VW-Chef Herbert Diess die Marke angeblich wieder einfacher positionieren will, sollten Interessenten womöglich nicht zu lange mit dem Kauf warten.

Hallo an alle Golf-Fans: Das ist Euer nächstes Auto. Oder?
Leserbrief Autokiste folgen date  12.11.2019  —  # 13084
text  Hanno S. Ritter
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