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Montag, 14. Oktober 2019,
Verjüngungskur in Design und Technik / Neuer TDI evo nur mit EU6d-temp

Facelift VW Passat B8: Frischer Wind

Lange hat sich VW mit dem Facelift Zeit gelassen, nun endlich zeigen die Wolfsburger den aktualisierten Passat: Mit frischen Designdetails und neuen Ausstattungen soll er wieder größeren Kundenzuspruch auslösen. Doch Interessenten müssen sich einstellen auf kleine Rückschritte, nicht die beste Abgasnorm – und weiteres Warten.
Volkswagen
Das Facelift des VW Passat B8
kommt im September 2019 u den Händlern
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Nein, VW wird den Passat nicht einstellen, auch wenn das ein für Unseriösität bekanntes Magazin unlängst so dargestellt hat. Für das Image des Mittelklasse-Autos war die von der VW-Kommunikation kaum gegensteuerte Geschichte trotzdem nicht gerade das Sahnhehäubchen - wie überhaupt VW mit dem aktuellen Passat seit 2014 manches falsch gemacht hat.

So fehlte dem Auto von Beginn an das emotionale Moment und die Designraffinesse, mehr noch als dem Vorgänger B7, der noch heute manches besser kann als der B8. Halogen-Funzeln als Standard im Jahr 2019, Lieferprobleme bei beliebten Versionen und die späte Umstellung auf die WLTP-Abgasnorm waren ebenfalls nicht absatzfördernd. Vor allem aber hat der Passat die Diesel-Krise - die allgemeine und die von VW selbst verschuldete - besonders zu spüren bekommen. Rückläufige Verkaufszahlen waren dann ein Argument für die beschlossene Produktionsverlagerung nach Tschechien zum Generationswechsel, und damit schließt sich der Kreis an fehlenden Sahnehäubchen.

Nun aber steht erst einmal die Modellpflege auf dem Programm. Mit optischen und technischen Neuerungen will Volkswagen die Kundenliebe neu entfachen oder zumindest auf dem jetzigen Niveau halten.

Optisch gibt sich der Passat künftig an einem weiter nach unten gezogenen Kühlergrill zu erkennen, außerdem an einer entsprechend modifizierten Frontschürze, bleibt aber weit entfernt von der nach Aufmerksamkeit geradezu bettelnden Attitüde des Arteon. Auch haben die Designer das optionale R-Line-Exterieur markanter herausgearbeitet - den ersten Bildern nach zu urteilen aber nicht so stimmig wie beim Golf oder Tiguan. Dazu kommt ein neues Innenleben der Scheinwerfer mit schönerer Signatur des Tagfahrlichts und dynamischem Blinker.

Die Seitenansicht bleibt abgesehen von neuen Außenfarben und Räderdesigns unverändert, wie das bei einem Facelift üblich ist. Dies betrifft auch Außenspiegel und Dachreling.

Wichtigste Änderung am Heck sind die Rückleuchten. Während der Autobauer das serienmäßige Standarddesign noch nicht zeigen mag, erfreut die optionale Ausführung mit einer neuen Lichtsignatur, die vom Touareg adaptiert wurde. Markantes Merkmal sind drei sogenannte wings, die als Teil des Schlusslichts und als Bremslicht fungieren. Für letzteres ändern sie ihre Form durch eine horizontale Spiegelung. Diese Wechselgrafik ist deutlich schicker als die bisherige, zumal der nunmehr doppelt ausgeführte und animierte Blinker - VW nennt das neuerdings Wischfunktion - davon unberührt bleibt und viel besser sichtbar ist. Man fragt sich, warum VW von einer solchen Technik nicht öfter Gebrauch macht: Technisch leicht zu realisieren, ist der Hinguck-Effekt hoch.

Wie bei allen neuen VWs und bei inzwischen einem Großteil aller neuen Autos sitzt der Modellschriftzug nunmehr mittig unterhalb des Markenlogos. Die Heckklappe und auch die suboptimalen Flaps seitlich an der Scheibe bleiben unverändert, die Schürze zeigt sich leicht modifiziert und wird gar nicht mehr mit sichtbaren Endrohren angeboten.

Noch einmal zurück zu den Leuchten: Die Scheinwerfer und auch die Nebel-/Abbiegeleuchten sind nun endlich ab dem Basismodell in LED-Technik ausgeführt. Darüber ersetzt das "IQ.Light" das bisherige "Active Lighting System". Dabei hat sich nicht nur der Name dem aktuellen Marketing angepasst, sondern auch die Technik der Moderne: Matrix lautet das Zauberwort. Das System steuert insgesamt 44 einzelne LEDs bedarfsgerecht an; es nutzt dazu die Signale der Frontkamera, die Navi-Karten und GPS-Signale, den Lenkwinkel sowie die aktuelle Geschwindigkeit.

Im Interieur fällt das Auge zunächst auf zwei Details: Die Fake-Lüftungsleiste wurde beibehalten, die ebenso schöne wie praktische Analoguhr in ihrer Mitte dagegen durch einen beleuchteten, arg billig und überflüssig wirkenden Passat-Schriftzug ersetzt.

Das "Active Info Display", die Digitalinstrumente, heißen nun ... nein, nicht "IQ.Cockpit", sondern "Digital Cockpit". Das Display, so schwärmen die Wolfsburger, sei nun noch kontrastreicher, farbstärker und heller als bisher. Nur ganz am Rande erwähnen sie, dass die Flimmerkiste künftig nur noch 11,7 statt bisher 12,3 Zoll groß ist - ein klarer Rückschritt, der sich auch optisch bemerkbar macht: Temperatur- und Tankanzeige sind fortan seitlich so einfach umgesetzt wie bisher nur beim 10,25-Zoll-System der tieferen Fahrzeugklassen. Immerhin: Die drei verschiedenen Display-Konfigurationen können jetzt mittels einer Lenkradtaste angewählt und individualisiert werden.

Beim Infotainmentsystem kommt erstmals die dritte Generation des MIB ("Modularer Infotainment-Baukasten") zum Einsatz. Der Passat ist damit dank einer fest verbauten SIM-Karte auf Wunsch permanent online. Damit erschließen sich neue Möglichkeiten für Echtzeitfunktionen und eine deutlich verbesserte Spracherkennung durch Verarbeitung der Stimmdaten in der Cloud statt lokal im Auto. Damit feiert "Hallo Volkswagen" Premiere - wer das sagt, startet knopffrei die Sprachfunktionen. So weit wie etwa das MBUX-System ist VWs Pendant aber noch nicht, das Standardbeispiel "mir ist kalt" löst keine Heizungseinstellung aus. Derartige Funktionalität will sich VW mutmaßlich für den neuen Golf VIII aufheben.

MIB3 erlaubt auch eine kabellose Nutzung von Apple CarPlay, das dadurch seine eingeschränkte Praxistauglichkeit aber nur ein bisschen verliert, und es bietet einen neuen Homescreen nach Touareg-Vorbild. Drehregler weist das wie bisher 9,2 Zoll große Top-System trotz vielstimmiger Kritik an deren Fehlen nicht auf.

Weitere Neuerungen im Innenraum sind eine neue Trimfarbe, veränderte Türverkleidungen, neue Stoffe und eine optional in fortan 30 Farben schaltbare Ambientebeleuchtung. Das als Kessy bekannte schlüssellose Zugangssystem wird sich künftig auch vom Handy aus nutzen lassen, allerdings nur von Samsung-Geräten. Zum Motorstart reicht es dann nicht, das Handy wie bisher den Schlüssel irgendwo im Auto-Innenraum zu haben, sondern das Handy muss in die Ladeschale gelegt werden. Insoweit hat VW auch endlich erkannt, das die bisherige Smartphone-Ablage mehr Panne als Premium war, weil viele aktuelle Handys schlicht nicht darauf passten. Im Facelift-Modell ist dieses Malheur beseitigt - und auch ein moderner USB-C-Anschluss zu finden.

Motorseitig gibt es kaum Neuheiten, so dass VW allen Ernstes versichert, alle Varianten seien mit Partikelfilter ausgestattet. Neu ist der 2,0 TDI evo, die optimierte Version des bisherigen Zweiliter-Diesels. Er soll etwas verbrauchsärmer sein, wird aber zunächst nur mit 150 PS angeboten. Die TDI mit 190 und 240 PS werden unverändert übernommen, und als Einstieg gibt es nunmehr einen 1,6 TDI mit 120 PS, obschon doch allenthalben zu hören war, der künftige Basisdiesel sei auch ein 2,0 TDI. Für Käufer muss es kein Nachteil sein, überkompensiert der kleine Diesel seine schlechtere Laufkultur doch durch merklich bessere Trinkmanieren.

Wer erwartet hätte, VW würde als vertrauensbildende Maßnahme die neuen Modelle mit der Abgasnorm EU6d ausliefern, wird sich wieder einmal enttäuscht abwenden: Alle Diesel und Benziner sind nur nach der weniger zukunftssicheren Norm EU6d-temp zertifiziert.

Wer auf die spezifischen Diesel-Vorteile verzichtet, bekommt den Passat auch als 1,5 TSI mit 150 PS und als 2,0 TSI mit 190 oder 272 PS. Der Plug-in-Hybrid im Passat GTE erreicht nun dank auf 13 kWh vergrößerter Batterie 55 Kilometer rein elektrische Reichweite - ermittelt nach der neuen WLTP-Norm. Nach NEFZ-Standard steigt der Wert von bisher 50 auf 70 km. Als Hauptmotor fungiert nach wie vor der sonst inzwischen weitgehend abgeschaffte 1,4 TSI, die Systemleistung bleibt mit 218 PS konstant. Zusammenfassend: E-Innovationen sieht VW für konventionelle Modelle kaum noch vor. Immerhin trägt der GTE als einziger das EU6d-Label ohne einschränkenden Zusatz.

Weitere Neuerungen im Technik-Bereich sind ein verbessertes Soundsystem von Dynaudio, ein optimiertes DCC, das ein erweitertes und feiner individualisierbares Spektrum an Fahrwerks-Einstellungen ermöglicht, sowie ein Lenkrad, das nicht mehr anhand kleiner Bewegungen, sondern durch eine Kapazitätssensorik erkennt, ob der Fahrer es berührt, mithin: per Definition aufmerksam ist, auch wenn die Assistenzsysteme das Auto eigenständig beschleunigen, lenken und bremsen. Und das können sie fortan noch besser: Das, was bisher als Stauassistent bekannt war und bei Geschwindigkeiten bis zu 60 km/h funktionierte, ist jetzt bis 210 km/h verfügbar.

Neu ist auch ein Emergency Steering Assist, der die Sicherheit bei plötzlichen Ausweichmanövern erhöhen soll. Ihm und auch dem Abstandstempomaten ACC kommt dabei ein weiterentwickelter elektromechanischer Bremskraftverstärker zugute, wie er bisher nur im GTE verbaut war. Er ermöglicht ein noch schnelleres Ansteuern der Bremse und dazu ein feiner dosiertes. ACC selbst beachtet jetzt nicht nur den Abstand zum Vordermann, sondern auch Navi-Daten und die Schilderkennung. Das Auto bremst also etwa vor Kreuzungen und Ortsdurchfahrten selber - und auch beim ersten Tempolimit-Schild. Fortschritt wird das nicht in jedermanns Auge sein. Weil auch die Frontkamera nochmals modernisiert wurde, erkennt der Spurhalteassistent nun nicht mehr nur Fahrbahnmarkierungen, sondern auch eine Grasnarbe am Fahrbahnrand.

Anstelle der jahrelang gelernten Ausstattungsniveaus "Trendline", "Comfortline" und "Highline" gibt es den Passat künftig als "Passat", "Business" und "Elegance", was die Vermutung unterstreicht, im Marketing sei noch Luft für Optimierungsmaßnahmen. "R-Line" lässt sich ab dem mittleren Niveau dazu buchen, und auch der Alltrack bleibt im Programm.

Obwohl das Facelift wie skizziert überfällig war, hat VW keine Eile. Nach der Messe-Premiere im März auf dem Genfer Autosalon sei der Passat "bereits" ab Mai bestellbar und ab September bei den Händlern zu finden, heißt es. Bis dahin zeigt sich aber auch noch der wichtigste Konkurrent in aktualisierter Form, und dass der Skoda Superb jedenfalls in mancher Disziplin auch weiter besser bleiben wird, ist sicher.
Leserbrief Autokiste folgen date  06.02.2019  —  # 12866
text  Hanno S. Ritter
IM KONTEXT: DER BLICK INS WEB
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