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Dienstag, 25. September 2018,
Digitalcockpit, teilautonomes Fahren und Kamera-Spiegel in Serie

Neuer Mercedes Actros: Viel Neues vom Lkw-Flaggschiff

Im Vorfeld der IAA Nutzfahrzeuge Ende des Monats hat Daimler am Mittwoch Abend in Berlin den überarbeiteten Mercedes-Benz Actros präsentiert. Das Lkw-Flaggschiff der Marke wird sicherer und sparsamer. Bei einem Detail sichert sich der Actros sogar die Vorreiterrolle im gesamten Konzern – durch Weglassen.
Daimler
Der Mercedes Actros trägt
künftig keine konventionellen Außenspiegel mehr
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Vor einem Dutzend Jahren verschickte Mercedes Pressefotos einer E-Klasse ohne Außenspiegel. Irgendetwas in der Bearbeitung der Bilder und der Kontrolle war offenbar schiefgegangen. Daran muss man denken, wenn man die Bilder des neuen Actros erstmals öffnet: Da fehlen doch glatt die Außenspiegel. Dieses Mal liegt es aber nicht an der Foto-, sondern an der Entwicklungsabteilung.

Der Actros fährt künftig nämlich ohne konventionelle Außenspiegel vor, jedenfalls in bestimmten Fahrerhaus-Varianten - serienmäßig als erster Mercedes konzernweit und nach dem VW XL1 als zweites Serienauto überhaupt, wobei es der VW bekanntlich leider nur zu einer Kleinserie brachte. An die Stelle der mächtigen Spiegel treten filigrane Arme am oberen Türrahmen, die den seitlichen Bereich per Kamera scannen und ihr Bild auf 15-Zoll-Monitore in den A-Säulen übertragen. Diese Arme tragen nach vorne hin ein Positionslicht, was dem Actros bei Dunkelheit eine neue Breite verleiht. Die sogenannte Mirror Cam bietet aber nicht nur aerodynamische Vorteile und sichert dem Truck öffentliche Aufmerksamkeit, sondern auch funktionale.

Dazu gehören der bessere Durchblick nach schräg vorn, außerdem individualisierbare Darstellungen, vor allem aber die Schwenkfunktion, die es dem Fahrer ermöglicht, den gesamten Trailer bei Kurvenfahrt auf der Kurveninnenseite zu beobachten. Distanzlinien tragen zu einer besseren Einschätzung des rückwärtigen Verkehrs bei. Außerdem kann eine zusätzliche individuell einstellbare Linie beispielsweise das Auflieger-Ende anzeigen und so das Rangieren vereinfachen. Bei beginnender Dunkelheit wechselt das System in einen Nachtsicht-Modus, den der Fahrer auch bei ausgeschaltetem Motor kurzzeitig aktivieren kann, etwa um das Fahrzeugumfeld zu kontrollieren - ein nicht unwesentlicher Sicherheitsaspekt bei nächtlichen Parkphasen.

Die wichtigste Neuerung der Actros-Modernisierung ist aber der Active Drive Assist. Mit ihm bringt Mercedes-Benz das teilautomatisierte Fahren erstmals in einem Lkw in Serie. Der neue Active Drive Assist kann selbständig bremsen, Gas geben und lenken - und zwar in allen Geschwindigkeitsbereichen. Neu sind die aktive Querführung und die Verbindung von Längs- und Querführung durch die Fusion von Radar- und Kamerainformationen.

Dazu kommt der verbesserte Active Brake Assist der nunmehr fünften Generation. Der Notbremsassistent unterstützt den Fahrer, wenn ein Auffahrunfall oder eine Kollision mit einer querenden, entgegenkommenden oder in der eigenen Spur laufenden Person droht – im Bedarfsfall auch mit einer automatischen Vollbremsung. Neu ist, dass der Active Brake Assist 5 mit einer Kombination aus Radar- und Kamerasystem arbeitet. Damit kann das System den Raum vor dem Fahrzeug noch besser überwachen und auf Personen noch besser reagieren.

Zur Überarbeitung gehört auch eine Auffrischung des Cockpits. Herzstück sind die beiden serienmäßigen Farbdisplays mit je 10 Zoll Bildschirmdiagonale. Eines ersetzt das klassische Kombiinstrument mit Tacho, Drehzahlmesser und Tankanzeige hinter dem Lenkrad, mit dem zweiten auf der Mittelkonsole - als Touchscreen ausgeführt - lassen sich alle weiteren Funktionen steuern. Wichtige Funktionen wie Licht, Heizung, Klima oder Telefonie sind durch Direkttasten wählbar. Zudem kann sich der Fahrer den Fahrzeugzustand, wie beispielsweise Reifendruck oder Achslast, visualisieren lassen. Die Bedienung erfolgt auch über kleine Touchpads am Lenkrad - ganz wie in der S-Klasse. Optional liefert Mercedes auch ein zwölf Zoll großes Hauptdisplay, das überdies mit zahlreichen zusätzlichen Online- und Remotefunktionen sowie mit Navigationssystem versehen ist.

Zu den weiteren Neuerungen gehören ein Schlüssel mit Fernbedienung, ein Start-Knopf mit Keyless-Funktion, eine neue Fahrerhaus- und Ambientebeleuchtung, Fernlichtautomatik und eine elektronische Feststellbremse, nicht aber Voll-LED-Scheinwerfer. Unglaublich: Den zuletzt stark diskutierten Abbiegeassistenten verbaut Mercedes weiterhin nur gegen Aufpreis.

Die Antriebe werden nicht verändert, sieht man von Details ab. Unter dem Strich soll der neue Actros noch einmal etwas weniger verbrauchen - drei Prozent auf der Autobahn und fünf im Überlandverkehr verspricht Mercedes. Mittel zum Zweck sind neben der Mirror Cam und weiterem Aerodynamik-Feinschliff etwa an den Endkantenklappen und den Dachspoilern die intelligente Tempomat- und Getriebesteuerung Predictive Powertrain Control (PPC), die jetzt noch effizienter arbeiten soll und dank erweitertem Kartenmaterial auch auf Überlandstrecken einsetzbar ist. Außerdem kommen neue kraftstoffsparende Übersetzungen an der gewichtsoptimierten Hinterachse zum Einsatz.

Die meisten Neuerungen lässt Mercedes auch dem robusten Schwestermodell Arocs zukommen. So sind MirrorCam, Active Brake Assist 5, Multimedia-Cockpit und verbessertes PPC auch für das Baufahrzeug verfügbar. Unterschied: Gehören die Neuheiten beim Actros in der Regel zur Serienausstattung, sind sie für den Arocs zumeist als Sonderausstattung bestellbar.

1,2 Millionen Actros hat Mercedes nach eigenen Angaben vom Actros verkauft, seit dieser 1996 die beliebte Vorgänger-Baureihe SK ablöste. Gefertigt werden Actros und Arocs genau wie bisher im größten Mercedes-Lkw-Werk in Wörth, wo auch Antos, Atego, Econic, Unimog und Zetros vom Band laufen. Mit mehr als 10.300 Mitarbeitern ist das Werk zweitgrößter Arbeitgeber in Rheinland-Pfalz. Bestellstart für den Actros ist noch diesen Monat, die Auslieferungen sollen Anfang 2019 beginnen. Preise liegen noch nicht vor, aber natürlich kostet eine anständig ausgestattete und motorisierte Zugmaschine über 100.000 Euro.
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text  Hanno S. Ritter
IM KONTEXT: DER BLICK INS WEB