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Donnerstag, 23. November 2017,
204-PS-Kompakter im Fahrbericht

Unterwegs im Kia Cee'd GT: Perfektion matt, Fahrspaß satt

Er ist viel günstiger als das "Original" seiner Klasse – und leider auch viel billiger: Der Kia Cee'd GT kann sein Alter und seine Unperfektheit nicht kaschieren. Doch mit jedem Kilometer wächst die Freude, denn an Fahrspaß geizt der kompakte Koreaner nicht.
Autokiste
Von Perfektion weiter entfernt
als von Fahrspaß: Kia Cee'd GT
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Sie mögen es, wenn die Scheibenwischer bei der letzten Runde etwas langsamer auslaufen? Sie glauben, dass eine Blinksequenz immer bis zum Ende durchlaufen sollte? Sie sind überzeugt, dass heutzutage alle Navis die Musiklautstärke bei Routenansage drosseln, dass sportliche Autos eine ständige Temperaturanzeige haben und einen guten Bordcomputer, und dass Tageskilometerzähler seit über 30 Jahren Standard sind? Sie dachten, das "Bi" in der Beschreibung von Xenon-Licht sollte man endlich weglassen, weil sowieso selbstverständlich? Dann, ganz ehrlich, sparen Sie sich die kommenden fünf Minuten zum Lesen dieses Fahrberichts: Der Kia Cee'd GT ist kein Auto für Sie, klicken Sie weiter, wir haben Alternativen.

In der Tat: Der Kia Cee'd leistet sich manche Schwäche. Einige davon sind bedingt durch sein Alter - als der Kompakte 2012 erschien, gab es etwa kaum Assistenzsysteme auf dem Markt. Inzwischen kann auch Kia die meisten dieser umstrittenen Helfer liefern, aber überwiegend nicht mehr im Cee'd, der vor dem Generationswechsel steht, und schon gar nicht für den GT.

Die Mittelkonsole sieht altbacken aus, speziell durch ihr on-top gesetztes, grell-rotes Display, das Uhrzeit, Datum und Außentemperatur anzeigt und für die superwichtige Umschaltung auf Fahrenheit eine eigene Taste mitbringt. Der Kofferraum ist groß und hat eine schöne Fachablage unter dem Boden, die sich auch herausnehmen lässt - aber nur teilweise, so dass der Ladeboden nicht absenkbar ist. Eine Durchladefunktion sucht man vergebens, eine Ambientebeleuchtung oder von vorne schaltbare Fond-Beleuchtung auch, viele anderswo bestellbare Extras von Automatik über CD-Player, LED-Licht oder Standheizung bis Verstellfahrwerk bleiben Wunsch statt Wirklichkeit.

Einen Lichtschalter im Blinkerhebel mögen wir ebenso wenig wie aufgesetzte anstatt plan integrierte Scheinwerfer-Waschdüsen, spärliche Einstelloptionen sind zumindest schade, und die Bluetooth-Koppelung des Handys geht anderswo schneller. Man kann im Cee'd auch nicht die Fenster per Schlüssel-Fernbedienung öffnen oder schließen, man bekommt keine Parksensoren vorne, keinen Berganfahrassistenten, keine Auskleidung des Handschuhfachs, kein einseitiges Parklicht, kein Fach unter der nicht recht verstellbaren Mittelarmlehne.

Enttäuschend auch die Geräuschkulisse, die im Standard-Modus absolut emotionsbefreit ist und im (via Lenkrad-Taste schaltbaren) GT-Modus vermittels synthetischer, lieblos eingespielter Zusatzgeräusche aufdringlich und spätestens nach fünf Kilometern nervig. Der Spurhalte-Assistent piepst nervig, anstatt zu lenken, lässt sich aber immerhin und dauerhaft abschalten. Die Verkehrszeichenerkennung ist nicht ans Navi gekoppelt, so dass sie es fertig bringt, innerorts schon mal 100 km/h als Limit anzuzeigen.

Hier hat die Entwicklungsabteilung von Kia noch einige Arbeit vor sich, wenn sie den Nachfolger auf ein konkurrenzfähiges Niveau heben will.

Alles Mist also? Mitnichten. Der Kia Cee'd GT hat auch eine andere Seite, genauer: vier.
Gelungene Details, hervorragende Sitze
Der erste sind die anderen Details, die dann doch überraschend gut gelungen sind. Etwa die Rückfahrkamera mit einem sehr weitwinkligen, dabei kaum verzerrten und sonnenreduzierten Bild. Oder das serienmäßige Keyless-System, das schon bei Annäherung die Außenspiegel leiser als anderswo ausklappt und nicht nur den Boden, sondern auch die vorderen Türgriffe beleuchtet. Die mit Aluminium aufgepeppte Pedalerie, die mit einem stehenden Gaspedal erfreut - suchen Sie das mal in neueren VWs. Interessant auch die Warnung vor eingeschlagenen Rädern im Display beim Motorstart.

Vor allem aber manifestiert sich der gute Wille in feinen Sportsitzen vom Spezialisten Recaro - mit gutem Seitenhalt, aber ohne brettharte einengende Wülste, mit elektrisch justierbarer Lendenwirbelstütze, feinen Kopfstützen und Teilbelederung, deren einwandfrei ausgeführten roten Ziernähte mutmaßlich auch die insoweit sehr genau hinschauende, geschätzte Autophorie-Kollegin Larissa zufriedenstellen würden. Erwähnenswert auch, dass die Rückbank beim Zurückklappen nicht nur einen einigermaßen, sondern vollständig ebenen Boden ergibt, und dass das Lenkrad gut in der Hand liegt.

Das Navigationssystem misst sieben Zoll, was einmal viel war, inzwischen aber nicht mehr. In der Praxis reicht es völlig, die Darstellung ist nicht gestochen, aber ordentlich scharf, und die Bedienung überwiegend eingängig. Navi-Ziele lassen sich überraschend schnell eingeben, Zusatzfenster und Spurempfehlungen erscheinen automatisch, Sonderzeile kennt das System gut, die Routenführung ist meist sinnvoll und berücksichtigt TMC-Daten. Bluetooth funktioniert problemlos; wer will, kann das System via Handy (W-LAN) online schicken und dann auf zusätzliche Dienste zugreifen. Erfreulich zeigt sich auch die Klimaanlage, die erstaunlich effektiv kühlt und dabei mit weniger Gebläsestärke - vulgo: weniger Lärm, weniger Zugluft - auskommt als etwa die VW-Systeme.
Ansehnliches Exterieur
Erfreulichkeit Nummer 2 ist subjektiv, soll aber erwähnt sein: Der Cee'd ist ein schönes Auto, und daran ändert sein Alter nichts. Er war einst der erste Kia mit der "Tigernase", und sie steht ihm noch immer vortrefflich. Auch die Leuchten sind trotz der nahezu LED-freien Technik schön anzusehen, das hohe Heck gefällt mit seinem sichtbaren, aber nicht zu halbstarken GT-Präferenzen und dem Verzicht auf Fake-Endrohre. Details wie die hochgezogenen "Ohren" der Windschutzscheibe sind schön modelliert.

Das Vier-Punkt-Tagfahrlicht kommt nicht so elegant daher wie bei Porsche, aber wenn uns nicht alles täuscht, hatte Kia es zuerst. Auch von der Seite ist das Auto noch immer gut gelungen, das vordere Dreiecksfenster schöner umgesetzt als beim Platzhirsch dieser Klasse, und die sehr ansehnlichen Bicolor-Räder im 18-Zoll-Format mit durchschimmernden roten Bremssätteln runden den guten Eindruck ab. Insgesamt wirkt der Cee'd GT auf eine subtile Art dynamisch, ohne ins Aggressive abzudriften.
Viele Tausender Abstand zum GTI
Den dritten Pluspunkt holt der Kia auf der Kostenseite, und da kommt jenes Auto ins Spiel, ohne das kein GT-Bericht auskommt: Der Golf GTI. Das ist natürlich nicht fair, mischt Kia mit diesem Auto doch erstmals in der sportlichen Kompaktklasse mit, anstatt auf jahrzehntelange Erfahrung aufbauen zu können, zudem ist der GTI inzwischen bei 230 bis 245 PS angelangt. Dennoch ist der Vergleich interessant: Bei Kia bekommt man den GT ab 25.400 Euro, bei VW den fünftürigen GTI ab 30.900.

Nimmt man den GT in der empfehlenswerten und hier gefahrenen Track-Ausstattung, zahlt man dafür offiziell 28.600 Euro. Inklusive sind dann u.a. auch Navigation, DAB-Empfang, Keyless-System, beheizbares Lenkrad, Rückfahrkamera und Verkehrszeichenerkennung, außerdem größere Bremsscheiben und die 18-Zöller - bei VW allesamt aufpreispflichtig. Ausstattungsbereinigt - soweit möglich - steigt die Differenz auf über 8.000 Euro. Während man die feine 7-Jahres-Garantie von Kia dem besseren Werterhalt bei VW gegenrechnen kann, ist das Rabattniveau beim Cee'd angesichts des bevorstehenden Generationswechsels höher.
Fahrspaß garantiert
Pluspunkt Nummer 4 ist der wichtigste. Er offenbart sich, wenn man die Präferenzen ein wenig anders gewichtet als zu Beginn, und wenn sich Fahrer und Auto ein bisschen Zeit für einander nehmen. Wenn sie beide einen Ausflug machen, der nicht nur von Zuhause ins Büro führt, wenn sie etwa spontan hinter Stuttgart von der unseligen Autobahn abbiegen und gen Schwarzwald steuern.

Hier ist der GT in seinem Element und vermittelt (fast) jene Freude am Fahren, die andernorts längst das geflügelte Wort ist. Hier stört es nicht zu sehr, dass der Motor seine Kraft nicht ganz so in Vortrieb umzusetzen vermag wie man das anhand der Daten erwarten mag. Es handelt sich um einen direkteinspritzenden Vierzylinder mit 1,6 Litern Hubraum. Das als "Gamma" bekannte Triebwerk arbeitet in anderen Modellen als braver Brot- und Butter-Saugmotor. Im GT kommt es dank Twin-Scroll-Aufladung auf 204 PS Leistung und schickt - bisweilen nach einer kurzen Turboloch-Gedenksenkunde - maximal 265 Newtonmeter Drehmoment an die Vorderachse, auch wenn der Tacho im GT-Modus nicht müde wird, bei Volllast derer 300 anzuzeigen.

204 PS klingt gut. Erreicht werden sie erst bei 6.000 Touren, die die Maschine aber in Windeseile erreicht. Gefühlt ist sie dennoch nicht ganz so stark, und das Datenblatt bestätigt den Eindruck: 7,6 Sekunden auf Tempo 100 schaffen manche Konkurrenten mit 180 PS, 230 Spitze ebenso. Es macht nichts weiter, denn das Auto ist einerseits dennoch schnell, dabei nicht so hektisch wie manch andere junge Wilde, und andererseits bewusst nicht Richtung 300 PS hochgezüchtet.

Noch mehr Freude als der Motor macht das Fahren an sich, und zwar unter allen relevanten Aspekten: Der Kia Cee'd GT liegt hervorragend auf der Straße, er geht ums Eck fast wie auf Schienen. Die vielfach veränderte Abstimmung des Fahrwerks gegenüber den braveren Versionen hat sich ausgezahlt. Lenkrad und Schaltknüppel liegen prima zur Hand. Die Lenkung selbst arbeitet präzise, angenehm und ausgewogen. Die Kupplung kuppelt exakt so, wie es sein sollte. Das Getriebe lässt die Gänge auf kurzen Wegen und knackig wechseln. Wenn man es ruhiger angeht, erträgt der GT auch ausgesprochen niedertouriges Fahren klaglos. Nur Federung und Dämpfung sind im wahrsten Sinne des Wortes hart an der Grenze zum Rückenproblem abgestimmt.

Und die Traktion? Zeigt sich trotz fehlender Sperre weitgehend unbeeindruckt vom Leistungsniveau. Nur in engeren Kehren reißt der Grip bei schwerem Gasfuß kurzzeitig ab - und mutmaßlich auch bei nasser Fahrbahn, die der Wettergott im Test aber nicht bereitgestellt hat.
Hoher Verbrauch
Einziger echter Wermutstropfen indes ist der Verbrauch, der einmal mehr zeigt, dass das Konzept aus geringem Hubraum und Aufladung per se nicht zum Kostverächter befähigt. Schon der Normverbrauch liegt mit 7,4 Litern etwa einen Liter über dem Konkurrenzniveau. Schon auf besagten Landstraßen im Schwarzwald kommt man kaum unter neun Liter, bei engagierterer Fahrt sind es schnell auch zehn. Flinke Autobahnetappen würdigt der Bordcomputer mit einer 12 vor dem Komma - mindestens, und dann man kann der überdimensionierten Tanknadel schon fast bei ihrem Sinkflug zusehen. In der Stadt, wo sich auch das fehlende Start-Stopp-System bemerkbar macht, pendelte sich der Verbrauch bei rund 9,5 Litern ein, und selbst auf der Autokiste-Ecorunde (Stadt, Land, max. 90 km/h) waren mit sehr leichtem Gasfuß 6,8 Liter nicht zu unterbieten. Das können andere besser, trotz mehr Leistung und Hubraum. Über die gesamte Testdistanz von rund 1.550 Kilometern errechnet sich ein Wert von 10,7 Litern.

Dass der Cee'd GT ein Schluckspecht ist, passt letztlich gut zu seinem speziellen Charakter: Er ist wie eingangs skizziert bei weitem nicht perfekt, er schert sich nicht um die Usancen seiner Klasse. Er ist vielmehr ein Charaktertyp, der da, wo es darauf ankommt, nicht mit Reizen spart. Es ist ähnlich wie zwischenmenschlich: Man lernt ihn gerade wegen seiner fehlenden Perfektion zu schätzen. Nach zwei Wochen mit dem Auto verblasst die anfängliche Verwunderung über den fehlenden Tageskilometerzähler weit mehr als die Erinnerung an das schöne Fahrgefühl.

Was will man (viel) mehr, als in einem assistenzfreien, sportlichen, ansprechend designten Auto mit knackiger Schaltung zu fahren, dabei hervorragend zu sitzen, gut klimatisiert und navigiert zu werden, und dann auch noch eine kräftige Bremse zu haben? — Ich bin den Cee'd gerne gefahren.
Weiterempfehlen Leserbrief Autokiste folgen date  28.06.2017  —  # 12202
text  Hanno S. Ritter
IM KONTEXT: DER BLICK INS WEB
Kia