Unruhig gezeichneter Kleinwagen wird größer und moderner

VW Polo VI: Das ist der neue Mini-Golf

VW zeigt den ganz neuen Polo. Der Kleinwagen folgt dabei einmal mehr dem bewährten Muster solcher Generationswechsel: Der Polo VI wird größer, komfortabler, moderner, schneller – außerdem stets viertürig und ausstattungsbereinigt merklich günstiger. Ungewohnt ist das unruhige Design.
Volkswagen
Größer und unruhiger:
Das ist der neue VW Polo VI
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Messe-Bedeutung im Sinkflug: Bis zur IAA wollte Volkswagen nicht mehr warten. Stattdessen haben die Wolfsburger ihre wichtigste Modellpremiere für dieses Jahr in einem großen Event in Berlin voll- und das Tuch vom neuen Polo gezogen.

Die sechste Generation des seit 1975 verkauften Kleinwagens basiert erstmals auf dem konzernweit millionenfach verbauten "Modularen Querbaukasten", hier in der weniger flexiblen A0-Variante für das A-Segment. Sie hatte bereits mit dem neuen Seat Ibiza Premiere gefeiert und wird künftig auch Škoda Fabia und Audi A1 sowie die kommenden SUVs dieser Klasse unterbauen.

Die neue Plattform hat dabei auch Einfluss auf die Proportionen. In der Länge wächst der kleine Volkswagen um satte acht Zentimeter, überschreitet mit gut 4,05 Metern locker die imaginäre 4-Meter-Grenze dieser Klasse. Der Radstand wächst um neuneinhalb Zentimeter auf auf gut 2,56 Meter. "Damit rücken die Räder weiter nach außen", erklärt Volkswagen, bezieht das "außen" offensichtlich auf vorne und hinten - und wir fügen hinzu: (Die Überhänge ändern sich nur) unwesentlich. Außerdem wird der Polo bei leicht gesenkter Höhe um fast sieben Zentimeter breiter.

Interessanter als der Vergleich mit dem Vorgänger ist dabei jener mit dem Golf - und zwar dem 2003 ausgelaufenen Golf IV, der (außer bei der Länge) überall kleiner ist als der Polo. Dies betrifft auch die Spurweiten, die Innenmaße und das Kofferraumvolumen: Der Golf schaffte einst 330 Liter, der neue Polo lädt 351 Liter (bisher 280). Auch im Vergleich mit dem aktuellen Golf sind die Unterschiede speziell in Breite, Höhe und Radstand nicht weltbewegend, und so kommen wir wieder einmal um die Headline Mini-Golf nicht herum.
Mehr Ausstattung und neue Optionen
Deutlich modernisiert zeigt sich die Ausstattungsliste des neuen Polo. So verfügt bereits das Basismodell über das Umfeldbeobachtungssystem "Front Assist" mit Fußgängererkennung und Notbremsfunktion. Der Abstandstempomat (ACC) arbeitet nun bis 210 statt bis 160 km/h, ganz neu im Polo zum Einsatz kommen optional die Tote-Winkel-Überwachung inklusive Ausparkassistent (Querverkehrswarnung), ein Parkassistent mit automatischer Notbremsung vor dem allseits unbeliebten Poller und das nicht mehr Kessy genannte schlüsselllose Zugangs- und Startsystem.

Die Klimaautomatik ist künftig ein Zwei-Zonen-System und um die Air-Care-Funktion erweitert; ihre Bedieneinheit nimmt nun auch die Schalter für die Sitzheizung (weiter nur zweistufig) auf. Natürlich gibt es eine Handy-Ablage mit Wireless-Charging-Standard, und natürlich erhält auch der Polo die neuen Multimediasysteme mit Glas-Touchscreen. Standard sind 6,5 Zoll Größe, die höhere Ausbaustufe verfügt über einen acht Zoll großen Monitor. Er ist wesentlich höher als bisher platziert, die Designer haben hier eine horizontale Sichtachse geschaffen.

Besonders zur Geltung kommt dies, wenn das ebenfalls erstmals angebotene digitale Kombiinstrument (Active Info Display, AID) geordert wird. VW setzt hier auf eine weiterentwickelte Version, deren unterschiedliche Anzeigemodi praktischerweise nun auch direkt über einen Lenkrad-Knopf aufgerufen werden können. Versprochen sind außerdem mehr und besser gegliederte Informationen, ein Plus an grafischer Klarheit und die Möglichkeit, Inhalte vom dem Bildschirm des Navigationssystems in das AID zu ziehen. Unklar bleibt indes die AID-Größe. Ausgehend von den Bildern, die ausgelagerte Anzeigen für Tankinhalt und Motortemperatur zeigen, scheint das eigentliche Display kleiner auszufallen als die 12,3 Zoll in den anderen Baureihen.

Auf der Antriebsseite fallen die Neuerungen überschaubar aus. Neu im Angebot sind der 150-PS-Benziner (1,5 TSI) sowie eine Erdgas-Variante des Einliter-Triebwerks, die auf 90 PS kommt. Bei den Dieseln entfällt die 105-PS-Version, im Übrigen montiert VW nun stets den vierzylinderigen 1,6 TDI statt des dreizylindrigen 1,4 TDI und kombiniert dies mit einem SCR-Katalysator. Das Aggregat wird mit 80 und 95 PS angeboten.

Im Übrigen erstarkt die Basisvariante (1,0-Liter-Dreizylinder) von spaßbefreiten 60 auf genauso spaßbefreite 65 PS und rückt damit näher an die weiterhin verfügbare und letztlich auch zu träge 75-PS-Version. Darüber rangiert der TSI mit 95 oder 115 PS (Polo V: 90, 95 und 110 PS). Anders als bisher ist das Start-Stopp-System nun variantenübergreifend Standard, in Sachen Getriebe setzen die Wolfsburger aber nach wie vor auf nur fünf Gänge (bis 95 PS) und das optionale 7-Gang-DSG (ab 95 PS).

Bereits angekündigt ist überraschenderweise auch der neue Polo GTI. Freunde der sportlichen Gangart dürfen sich hier nach der Neuausrichtung zum Facelift des Polo V erneut auf einen doppelten Zuschlag freuen: Statt 192 PS gibt es künftig derer 200, die aus zwei Litern Hubraum stammen statt aus 1,8. Damit hat der neue Polo GTI bereits das Leistungsniveau eines Golf V GTI erreicht. Fahrleistungs- und Verbrauchswerte liegen für alle Varianten noch nicht vor.
Hoher Wiederkennungswert trotz Kantenschwemme
Optisch ist der neue Polo sofort als Polo zu identifizieren; nicht so auto-affine Leute werden den Generationswechsel womöglich gar nicht bemerken. Dass das Layout (anders als bei den jüngsten Modellwechseln bei Golf, Tiguan oder Passat) zumindest auf den ersten Blick weitgehend unverändert blieb, mag der Ideenlosigkeit der Wolfsburger zuzurechnen sein. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass man den Polo genau wie dem Golf bewusst eine bestimmten, wiedererkennbaren Auftritt zugedacht hat. Dieser tut der Baureihe als solches fraglos gut, und das nicht nur angesichts der früheren vielen harten Designwechsel.

Im Detail aber zeigen sich zahlreiche Änderungen, die jedenfalls auf den ersten Fotos wirken, als hätte man den Praktikanten zu lange mit den Effekten der neuen Bildbearbeitungssoftware spielen lassen und das dann versehentlich als "final" gespeichert. So hat das Design-Team nicht nur in der A-Säule und im Dachverlauf eine zusätzliche Kante integriert, sondern auch unterhalb der Fenster. Noch ein paar Zentimeter tiefer erblickt das Auge dann noch eine pfeilförmige Doppellinie, die leicht ausgestellt ist und mit einem scharfen Undercut nach unten abschließt.

Auch auf der Motorhaube muss das Auge zwei Linien mehr als bisher verarbeiten und überdies die optische Verlängerung in den Grill ertragen, die eine absolut vermeidbare zusätzliche Linie erzeugt, die fast so bescheiden wirkt wie die kurzen Motorhauben anderer Hersteller mit ihrer Ansatzkante. Wo viele VWs der letzten Jahre elegant und zeitlos wirkten, verstärkt der neue Polo das bereits bei jüngeren Modellwechseln in anderen Baureihen erzeugte Gefühl, dass diese Werte in Wolfsburg nicht mehr angesagt sind.

Immerhin hat VW von einem runden auf einen eckigen Tankdeckel umgestellt, setzt weiter auf nicht stehende Außenspiegel und verkneift sich auch ein Dreiecksfenster vorne wie beim Golf. Dazu kommen größere Türgriffe. Schade, dass auch die lange Antenne beibehalten wird, und dass die sichtbaren Endrohre (außer beim GTI) abgeschafft sind.
Neues Leuchtendesign mkt mehr LED-Technik
Auffällig sind die neuen Leuchten, vorne jetzt serienmäßig mit LED-Tagfahrlicht. Wie dieses aussieht, zeigt VW noch nicht - außer in der optisch abweichenden Kombination mit den optionalen Voll-LED-Scheinwerfern, wo Tagfahrlicht und Blinker als gemeinsame Welle im unteren Bereich ausgeführt sind und das Tagfahrlicht sich oben als Lidstrich fortsetzt. Anders als VW behauptet, sind LED-Scheinwerfer keine Neuerung in dieser Baureihe.

Neu sind dagegen die optionalen LED-Rückleuchten, die tatsächlich Teil-LED-Einheiten sind, über die die VW-Kommunikatoren noch kürzlich hergezogen hatten. Interessant und unverständlich ist dabei, dass der Autobauer sowohl vorne als auch hinten neuerdings auf die jahrelang bewährte und auch bei der Konkurrenz übliche baureihenübergreifende Designsprache der Lichtsignaturen verzichtet und jedem Modell einen anderen Look verabreicht.
Weniger Varianten / Mehr Auto fürs Geld
Zum Schluss noch das Basiswissen: Die Einführung des neuen Polo beginnt noch in diesem Jahr, mutmaßlich sogar schon im Sommer. Der unbeliebte und die Produktionslogistik belastende Dreitürer wird ebenso abgeschafft wie der inzwischen belanglose Cross-Polo, und auch ein Kombi- oder Van-Derivat wird es nicht geben. Stattdessen folgt eine SUV-Version, die aber noch etwas auf sich warten läst, weil zuvor der entsprechende Seat und das Golf-SUV Vorrang haben.

Das Polo-VI-Grundmodell kostet mit knapp 13.000 Euro nur etwa 250 mehr als bisher, ausstattungsbereinigt um die früher extra verrechneten Zugaben (vier Türen, "Front Assist", Speedlimiter, Start-Stopp-System, LED-Tagfahrlicht, größere Bildschirme etc.) aber merklich weniger als der Vorgänger. Allerdings hat VW der schlechteren Optik zum Trotz in zwei der drei Ausstattungslinien die Rädergrößen verringert und in der dritten (Comfortline) auf Stahlfelge entfeinert.

Wer es freilich mit 65 PS, ohne Klimaanlage und Armlehne und mit kümmerlichen 14-Zoll-Stahlrädern im Trendline "nicht machen" kann, sondern zumindest 95 PS und ein Dutzend Annehmlichkeiten haben möchte, muss sich auf Werte deutlich jenseits der 20.000 Euro einstellen. Das war auch bisher so, hat dem Erfolg nicht geschadet, lässt am Ende aber dennoch die Frage offen, warum man eigentlich Mini-Golf fahren soll.
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Redaktion: Hanno S. Ritter
IM KONTEXT: DER BLICK INS WEB