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Montag, 18. Dezember 2017,
Abgrenzung fremder Mitarbeiter erfolge / »Überaus fragwürdige« Recherche

Daimler widerspricht ARD-Darstellung (aktualisiert)

Daimler wehrt sich gegen die Lohndumping-Vorwürfe in einem SWR-Film am Montagabend in der ARD. Der Sachverhalt sei unzutreffend wiedergegeben worden, außerdem habe man keine Chance auf Stellungnahme gehabt, heißt es. Daimler stellt dabei vornehmlich auf Formalia ab, nicht auf den Kern des Problems. Der SWR widerspricht.
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Man habe die Sachverhalte umgehend und sorgfältig geprüft, heißt es in einer am Dienstag in Stuttgart verbreiteten Meldung. Dazu sei u.a. auch die Arbeitsplatz-Situation vor Ort genau analysiert und mit den Beteiligten gesprochen worden.

Entgegen der Darstellungen im Fernsehbericht (Video in der ARD-Mediathek) sei der Reporter nicht durch Führungskräfte oder Mitarbeiter der Daimler AG in seine Arbeitsaufgabe eingewiesen worden. Die Einweisung in den Prozess und seine konkrete Tätigkeit sowie die Sicherheitsunterweisung seien von dem Dienstleister Preymesser vorgenommen worden, der sich dies vom Arbeitnehmer bzw. Reporter vor Arbeitsbeginn habe schriftlich bestätigen lassen. Auch habe der Reporter nicht die gleichen Tätigkeiten wie die eigenen Mitarbeiter ausgeführt, behauptet Daimler. Die dortigen Mitarbeiter seien Facharbeiter, hätten eine entsprechende Ausbildung und führten eine qualifizierte Facharbeitertätigkeit aus (wie z.B. Maschinenbedienung oder Qualitäts-Management).

Der Reporter habe auch keine Weisungen zur Erfüllung seiner Logistikdienstleistungen von Daimler-Mitarbeitern erhalten und sei nicht in die Daimler-Arbeitsorganisation eingegliedert worden. Auch habe dem Reporter für seine Tätigkeit ein Hebewerkzeug zur Verfügung gestanden, welches er "entgegen seiner Arbeitsanweisung" jedoch nicht verwendet habe.

Richtig sei, dass man Dienstleistungen und Arbeitsumfänge, die nicht im Mittelpunkt der eigenen Wertschöpfungskette stehen, über Werkverträge beauftrage, etwa Logistikdienstleistungen, Gebäudereinigungen oder Malerarbeiten. Diese müssten selbstverständlich von den Tätigkeiten Daimler-eigener Mitarbeiter den arbeitsrechtlichen Vorgaben entsprechend voneinander abgegrenzt sein.

Die Einhaltung sämtlicher arbeitsrechtlicher Vorgaben zur Abgrenzung der Tätigkeiten von Drittfirmen genieße bei Daimler höchste Aufmerksamkeit, erklärte Wilfried Porth, Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Daimler AG. "Wir bekennen uns ohne Wenn und Aber zu den geltenden Regelungen in Bezug auf Werkverträge und den Einsatz von Fremdarbeitskräften. Verstöße sind für uns nicht akzeptabel. Wir würden diese auch umgehend abstellen." Man wisse um die Bedeutung dieses Themas und sensibilisiere die Belegschaft daher schon seit längerem durch intensive Schulungs- und Trainings-Maßnahmen im betrieblichen Alltag. "In Deutschland haben 9.200 Führungskräfte an verpflichtenden Schulungen teilgenommen. Die Einhaltung der Regelungen vor Ort wird regelmäßig überprüft", so Porth weiter.

Kritik übte der Konzern an der Vorgehensweise der SWR-Redakteure, die "überaus fragwürdig" sei und "in keiner Art und Weise dem fairen und professionellen Umgang zwischen SWR und Daimler" entspreche, der in der Vergangenheit zwischen beiden "Organisationen" praktiziert worden sei. Die Journalisten hätten zu keinem Zeitpunkt mit offenen Karten gespielt und dem Unternehmen gegenüber unvollständige bzw. ausweichende Angaben über die Hintergründe ihrer Arbeiten gemacht.

Die offiziellen Stellungnahmen seien unter dem Vorwand angefordert worden, man arbeite an einem branchenübergreifenden, generellen Beitrag über diverse Branchen, vom Schlachthof bis zur Fahrzeug-Industrie. Die Telefonate des Reporters Jürgen Rose mit der Daimler-Pressestelle habe es nie gegeben, die Darstellung in dem Film sei fingiert. Man habe zu keinem Zeitpunkt die Chance erhalten, auf die konkreten Vorwürfe zu reagieren.

Die miserable Bezahlung des Leiharbeiters und die daraus folgende staatliche Aufstockung aus Steuergeldern thematisiert Daimler in der Stellungnahme nicht. Diese Redaktion hat nach Ausstrahlung des Beitrages mehrere anonyme Mails bekommen, in den angebliche Daimler-Mitarbeiter die im Film gemachten Vorwürfe im Grundsatz bestätigen und ähnliche Missstände anprangern.
SWR bekräftigt seine Darstellung und weist Vorwürfe zurück
Der SWR bekräftigte unterdessen die zentralen Feststellungen der Dokumentation. Der Film zeige, dass bei der Daimler AG Menschen über Werkverträge beschäftigt werden, die so wenig verdienen, dass sie davon nicht leben können und ihren Unterhalt durch Hartz-IV-Aufstockung sichern müssen. Der Reporter habe bei seiner Undercover-Recherche die gleichen Tätigkeiten wie die Daimler-Mitarbeiter ausgeführt und Anweisungen von diesen erhalten; in der Dokumentation seien mehrere für jeden Zuschauer nachvollziehbare Beispiele davon zu sehen. Bei der verdeckten Tätigkeit habe der Journalist wesentlich mehr direkte Weisungen von Daimler-Führungskräften erhalten, als im Film dokumentiert seien. Man habe Daimler zudem mehrfach mit den Rechercheergebnissen konfrontiert und um eine Stellungnahme gebeten, die im Film ausführlich wiedergegeben worden sei. Man habe somit journalistisch sauber gearbeitet und gegen keine Gebote der Fairness und Professionalität verstoßen, so der SWR.
Weiterempfehlen Leserbrief Autokiste folgen date 14.05.2013  —  # 10609
text Hanno S. Ritter
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